AgendaKarte
Inhalt
Region
Portale
AgendaKarte

«Mundart löst bei den Hörern einen Um- und Abschaltimpuls aus»

Übernehmen nun wieder die Hobbyrocker?

Rumpelstilz

Rumpelstilz 1977 von links: Milan Popovich (Bass), Polo Hofer (Gesang), Hanery Amman (Piano), Schifer Schafer (Gitarre) und Kurt Guedel (Schlagzeug). KEYSTONE

Nach dem Tod von Polo Hofer geht das Mundart-Genre schwierigen Zeiten entgegen.

30.07.2017 08:40, schwe, 0 Kommentare

Rockmusik war in der Schweiz lange eine Sache von Amateur- und Feierabendmusikern. Von Hobbyrockern.

Dann kam Polo Hofer. Er erkannte die Mechanismen des Musikgeschäfts, war Showman, gewiefter Geschäftsmann und PR-Manager in eigener Sache. Er hat bewiesen, dass man in der Schweiz von Rockmusik, sogar von Mundart-Rock, leben kann, wenn man es professionell aufgleist. «Ich war das erste betriebsfähige Modell des Schweizer MundartRock», sagte er dazu.

Die Professionalisierung des Mundart-Genres war eines seiner grössten Verdienste. Eine ganze Reihe von Musikern und Bands folgten seinem Vorbild und gesellten sich zur Mundart-Familie: zuerst Züri West (1984 gegründet), Stiller Has (1989), dann Patent Ochsner (1990), Sina (1994). Es war die erste grosse Mundart-Welle. Mundart-Rock etablierte sich als professionelles, überlebensfähiges Genre. Übervater Polo war nicht mehr allein.

In einer zweiten Welle Ende der 90er-, Anfang der 00er-Jahre folgten Florian Ast, Gölä, Plüsch, Adrian Stern, Baschi und Bligg, der vom Hip-Hop ins Poplager wechselte. Sie alle waren ungemein erfolgreich und verstärkten die Mundart-Familie. Und heute? Wie präsentiert sich die Mundart-Szene nach dem Tod von Pionier Polo Hofer?

Erfolgreich wie nie
«Mundart hat eindeutig am meisten Potenzial», sagt Sylvie Widmer von Sound Service, «ich stelle einen Überdruss an englischen Songs fest. Es geht um Identität. Die Leute finden Zuflucht in der eigenen Sprache.» Als Beweis nennt die Berner Plattenmanagerin die anhaltenden Erfolge von Züri West, Patent Ochsner und Stiller Has. Die Konzerte sind ausverkauft, und erstmals erreichte Endo Anaconda mit seinen neuen Hasen sogar Platz 1 der Schweizer Hitparade. Die erste Generation hat ihre Vorherrschaft konsolidiert oder sogar ausgebaut. Sie sind zusammen mit Polos Weggefährten Hanery Amman und Span die würdigen Nachfolger von Polo Hofer.

Eine andere Sicht auf die Situation im Mundart-Genre hat Peter Stutz, Musikredaktor bei Radio Argovia. Das Privatradio der AZ Medien Gruppe hat unlängst beim deutschen Forschungs- und Beratungsunternehmen für Medienstrategien «Brandsupport» eine Umfrage in Auftrag gegeben. «Die Mundart-Songs sind dabei alle durchgefallen», sagt Stutz. Gespielt wurden Gassenhauer der letzten zwanzig Jahre, Hits von Bligg, Manillio, Adrian Stern, Lo & Leduc und anderen. «Mundart war bei unseren Hörern immer umstritten, so drastisch war das Ergebnis noch nie. Es ist aber eindeutig: Mundart löst bei den Hörern einen Um- und Abschaltimpuls aus», sagt Stutz und spricht von einem neuen Phänomen, das Privatstationen wie Radio 24, Pilatus, FM1 St. Gallen auch festgestellt haben. Dagegen sind Englisch gesungene Songs von Schweizer Musikern vergleichsweise gut angekommen.

Polos Geschäftsmodell ist tot
Auch Pascal Künzi, Verkaufsleiter bei Musikvertrieb, ortet bei Mundartmusik Probleme. «Mundart ist nicht völlig out, aber sie hat sich weg von Pop und Rock zum Volkstümlichen und zum Schlager verlagert», sagt Künzi und verweist auf die diesjährigen Swiss Music Awards, wo Trauffer und Schluneggers Heimweh die Abräumer waren. «Mit englisch gesungenen Songs hat man heute dagegen viel mehr Möglichkeiten und einen potenziellen Markt über den Röstigraben und die Landesgrenzen hinaus», sagt Künzi weiter.

Fakt ist: Das Geschäftsmodell, das Polo Hofer und Co. ein Leben als Profimusiker erlaubte, funktioniert nicht mehr. Es war ein Geschäftsmodell, das auf zwei Beinen stand: auf den Einnahmen im Tonträgermarkt und jenen aus dem Live-Geschäft. Weil das Geschäft mit den Tonträgern eingebrochen ist, müssen sich Schweizer Musiker nach Alternativen umsehen, um die Einbussen zu kompensieren. Der deutsche oder der englische Markt bietet sich an. Aktuell sind es Soulsänger Seven, Newcomer Faber und die Schlagerband Calimeros, die den deutschen Markt mit englischen und hochdeutschen Texten erobern.

Deutschschweizer Markt zu klein
Für Mundart-Musiker bleibt dieser Markt dagegen verschlossen. Sie bleiben auf den Deutschschweizer Markt beschränkt, der für die meisten zu klein ist, um ihnen ein Leben als Profimusiker zu ermöglichen. Sogar die Überflieger Lo & Leduc gehen einer sogenannt geregelten Arbeit nach. Auch die Musiker von Dabu Fantastic, die mit «Angelina» einen Hit landeten, haben einen Nebenerwerb. Musiker der zweiten Generation wie Florian Ast, Ritschi von Plüsch, Adrian Stern, Fabienne Louves und Baschi haben Mühe, an ihre grossen Erfolge anzuknüpfen. Dodo schlägt sich geradeso durch, und Bligg hat sich eine Auszeit verschrieben. Andere wie Trauffer könnten von der Musik allein leben, wollen es aber nicht. Und Büezer-Rocker Gölä hat sowieso immer mit seinem Status als Hobby-Rocker kokettiert.

Immerhin versuchen es Leute wie Kunz und die Rapper Manillio und Nemo und setzen auf die Karte Mundartmusik. Ein schwieriges Unterfangen. «Niemand kann davon leben», sagt Sylvie Widmer. Selbst erfolgreiche Mundart-Rapper wie Baze oder Greis nicht. Die aktuelle Situation bei den StreamingPortalen verschärft die Situation. Englisch, Französisch und Hochdeutsch gesungene Songs können es zumindest versuchen, auf die begehrten Playlists zu kommen. Mundartsongs sind chancenlos.

Die Mundart-Szene präsentiert sich zerrissen und gibt kein einheitliches Bild. Die Marktbedingungen sind aber deutlich schwieriger geworden. Eine Re-Amateurisierung hat eingesetzt. Nach dem Tod von Polo Hofer droht die Mundart-Musik sich wieder zum Freizeit-Vertreib zu entwickeln. Zu einer Szene von Hobby-Rockern.

Kommentar | Kultur | Musik

Kommentar schreiben

Dein Eintrag wird überprüft und so schnell wie möglich online gestellt.


Zu diesem Artikel gibt es bisher keine Kommentare


Rap aus Zofingen Reevah's EP «48» ist da! Ausführliche Vorschau Stadttheater Olten Spielplan: Saison 20/21 Nach dem Stillstand kann nun der Betrieb im Stadttheater Olten wieder aufgenommen werden und die seit langem geplante Spielzeit 20/21 publiziert werden. Sie führt einmal mehr einen spannenden Mix aus Tradition und Moderne, aus Loka­lität und Weltgrösse, aus Humor und Ernst fort. Diese einzigartige Mischung bietet einem jeden das passende Programm. Zofingen in der Schweizer Rapszene «Ohni Musig chönnti glaub ned lebe» Der Zofinger Luca Rizzo will als «reevah» seiner Leidenschaft nachgehen und Zofingen in der Schweizer Rapszene vertreten. Seine EP «48» wird im Juni auf allen Streaming-Seiten verfügbar sein. ZT-Talk mit Dieter Ammann Wie arbeitet eigentlich ein Komponist? Im ZT-Talk spricht ZT-Chefredaktor Philippe Pfister mit dem Zofinger Komponisten und Musikprofessor Dieter Ammann über Kunst, Kommerz und Corona. Florian Zeller: «Vater» - Verlosung Der Alltag als Labyrinth – Musik & Theater thematisiert Alzheimer Mit «Vater» zeigt Musik & Theater Zofingen zum Saisonschluss am 12. März 2020 ein aufwühlendes Stück über einen an Alzheimer erkrankten Mann. Der Autor Florian Zeller geht auf originelle Weise mit dem heiklen Thema um, indem er das Publikum erleben lässt, wie es sich anfühlt, wenn man verloren geht. Was nach einem durchwegs traurigen Theaterabend klingt, hat aber auch eine komödiantische Dynamik. 9. März 2020 im Seniorenzentrum Brunnenhof Zwischenbilanz des Zukunfts-Kafi Zofingen Sichtweisen austauschen, wichtige Themen benennen und Projektideen zum Thema «Zäme läbe - Miteinander der Generationen» entwickeln; dies stand im Zentrum des Zukunfts-Kafi Ende Oktober 2019. Am 9. März 2020 ist es Zeit für eine Zwischenbilanz der angestossenen Projekte. Louie & The Wolf Gang und Louisville Boppers | Verlosung Schalttag-Rockabilly im OXIL Zofingen Diesen Samstag, dem 29. Februar, rockt und rollt es im OXIL Zofingen! Die Badner Band «Louie & The Wolf Gang» und die Deutsche Band «Louisville Boppers» feiern den Schalttag mit erdigem Rockabilly. regiolive.ch verlost 2x2 Tickets. Ausstellung «Kleinformat» im Obristhof Das Spiel der Farben in Licht und Schatten Am Samstag, 07. März 2020 um 14.00 Uhr eröffnet Susanne Gemperle ihre Ausstellung im Rahmen der Ausstellungsreihe «Kleinformat» im Kulturcafé Obristhof. Die in Zofingen wohnhafte Künstlerin zeigt ihre farbenfrohe Ölmalerei. Die Ausstellung dauert bis am 04. April 2020. Kursprogramm des Obristhof Oftringen Bunt wie ein Wald im Frühling Oftringen: Abwechslungsreiches Kurs- und Eventprogramm des Obristhofs für den Frühling/Sommer. OXIL Kanal K und OXIL präsentieren: Hört, hört, Hörstube! Am Samstag, 22. Februar 2020 findet erstmals eine Hörstube im Jugendkulturlokal OXIL in Zofingen statt. Radio Kanal K und das OXIL organisieren einen erlebnisreichen Tag rund um das Thema Hören mit Live-Radiosendung von der Redaktion Happy Radio auf Kanal K, Kunstausstellung zum Thema Hören, Hör-Erlebnisparcours, Konzerten, Performancekunst, Disco und weiteren Überraschungen.
Neue Artikel werden geladen
Neue Veranstaltung erfassen
Aufgrund der Corona-Situation sind die Angaben in unserer Agenda ohne Gewähr.
Neue Event werden geladen