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Podium zur Ausstellung «Ich nicht ich»

Zwischen Selbstinszenierung und Selbstnormierung

Künstlerin Karoline Schreiber schafft während der Diskussion über Selbstbilder selbst welche – konzentriert, scheinbar unberührt vom Gespräch. MICHAEL FLÜCKIGER
 | Bild: Michale Flückiger

Das Podium zur Ausstellung «Ich nicht ich» im Kunsthaus enthüllt Grenzen der Selfiekultur.

15.03.2017 10:20, Michael Flückiger, 0 Kommentare

«Da fotografieren sich Menschen im öffentlichen Raum selber ab – und genieren sich nicht mal.» Der renommierten Performance-Künstlerin Manon bereitet die Selfiekultur Unbehagen. Sie ist eine von sechs Teilnehmenden am Podium «Das Selbstbildnis im digitalen Zeitalter», das im Rahmen der Ausstellung «Ich nicht ich» im Kunsthaus Zofingen stattfindet. Manon verdeutlicht auch: «Ein künstlerisches Selbstbildnis ist keinesfalls mit einem Selfie gleichzusetzen.» Ein Künstler habe keine unbekümmerte Art mit Bildern von sich selbst umzugehen. Ob bekümmert oder nicht: Der reformierte Pfarrer Burkhard Kremer aus Zofingen findet die selbstbewusste Art, wie sich Manon in ihrem Tryptichon «Künstler Eingang» (1990) in Szene setzt, «erfrischend». Die Person, die in dieser künstlerischen Auseinandersetzung zum Ausdruck kommt, erkennt er als einzigartig und damit göttlichen Ursprungs. In der heute grassierenden digitalen Selbstbespiegelung drohe diese Originalität, dieser göttliche Ausdruck der unendlichen Vielfalt des Lebens, unterzugehen.

Schulterblick zu Selbstbildnissen
Während die Runde mit Moderatorin und Kunstkritikerin Alice Henkes über Selbstbilder diskutiert, schafft die Künslerin Karoline Schreiber welche. Konzentriert, scheinbar unberührt vom Gespräch, lässt sie das Publikum in der Aula des Gemeindeschulhauses Zofingen an ihren Pinselstrichen, die Gesichter aus der weissen Fläche herausschä- len, teilhaben. Es sind manchmal schemenhafte, manchmal deutlich herausgearbeitete Gesichter. Mitunter fliessen sie auch ineinander über. Die Performance, die fliessend von Entwurf zu Entwurf verläuft, zeigt das Momenthafte in der Selbstwahrnehmung auf augenfällige Weise.

Laut Hans Albrecht Haller, Facharzt für Neurologie und Psychotherapie, generiert die Selfiekultur «einen hohen Druck, Idealbildern zu genügen». Sie gehört damit zu einer Vervielfältigungsund Wissensabrufkultur, die die echte Auseinandersetzung mit sich selbst verfehlt. Moderatorin Alice Henkes wirft ein, wie sehr es beim Selfie um Feedback, um Selbstfindung geht und dieses damit eben alles andere als selbstgenügsam ist. «Ist daher diese Form der Selbstinszenierung nicht auch eine Form der Auseinandersetzung mit sich selbst», sagt sie, «die durchaus auch gewünscht sein kann im Individuationsprozess?» Hans Albrecht Haller meldet Bedenken an, weil es dabei oft mehr um Gruppenzughörigkeit als um Selbstfindung gehe.

Der Berner Künstler Franticek Klossner hat ein unbeschwertes Verhältnis zum Selfie, wobei er klar zwischen dem blossen Abbild und einem Kunstwerk unterscheidet. Nur sagt er aber auch: «Die Kunst liegt in der Absicht, wenn jemand sich künstlerisch mit dem Selfie auseinandersetzt, dann ist der Anspruch erfüllt.» Klossner hat mit der Installation «Generation Head Down» selber ein Kunstwerk beigesteuert. Es zeigt, wie Smartphones zu Oberflächen des Selbst geworden sind, während er sich zugleich fragt, wie viel Individualität es unter dieser Oberfläche noch gibt.

Neckisches Spiel
Auch die Zofinger Stadträtin Christiane Guyer erachtet es als wichtig, dass die Auseinandersetzungen mit aktuellen Fragen nicht vom mechanischen Googeln und Selbstbespiegeln untergraben wird. Zugleich erkennt sie in der Auseinandersetzung von Jugendlichen mit Diensten wie Snapchat auch etwas sehr Flüchtiges, Neckisches. Junge Leute würden auch sehr bewusst mit Inszenierungsformen spielen, da sei nicht nur Unsicherheit zu erkennen, sondern auch eine Unbeschwertheit, die älteren Generationen fehle.

Die Diskussion der Runde beleuchtet viele Aspekte des kulturellen Phänomens des Selfies. Das führt auch zu einigen Erkenntnissen. So etwa zu der, dass die Fokussierung auf das Gesicht eine enorme Reduktion darstellt. Zumal die Neurologie heute weiss, dass der Mensch mit dem ganzen Körper denkt. Trotzdem bleibt die Diskussion letzten Endes etwas unbefriedigend. Unter Umständen hätte sie etwas mehr Substanz gehabt, wenn man die Positionen hinter den einzelnen ausgestellten Kunstwerken eingehender aufgegriffen oder dem Selbstbild in der Kunst mehr Raum gegeben hätte.

Vielleicht mag es auch am Thema liegen: Weil das Selfie nichts Reflektiertes, Verwandeltes ist, bleibt es eine Oberfläche, unter der kein Geheimnis verborgen ist. Eine Innerlichkeit ist nicht einfach so da, weil es Oberflächen gibt. Echte Substanz ist immer Ausdruck von konzentrierter Tätigkeit, was dann idealerweise auch an der Form erkennbar sein sollte.

Die Ausstellung im Kunsthaus Zofingen dauert bis am 2. April.
Öffnungszeiten: Do, 18 bis 21 Uhr; Sa/So, 11 bis 17 Uhr.
Infos: www.kunsthauszofingen.ch

Kultur | Kunst | Zofingen

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