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Magazin 04/16

Winterblues

 | Bild: schwe

Ob wir es mögen oder nicht: Im Winter sind wir nicht dieselben wie im Sommer. Das spüren vor allem jene, die sich täglich um andere Menschen kümmern. Doch erleben sie alle den Winter gleich?

02.12.2016 13:36, schwe, 0 Kommentare

In ihrer Arbeit dreht sich rund um die Uhr alles um Menschen: Renata Muff, Leiterin Pflege und Betreuung im Pflegeheim Sennhof in Vordemwald; Martina Cadel, Leiterin der Kita Zobra im Spital Zofingen; Ruedi Schmid amtete 35 Jahre in Vordemwald als reformierter Pfarrer und ist seit drei Monaten pensioniert; Dr. med. Ulrich Fischer, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, tätig in der Praxis Klösterli in Zofingen und Dr. med Markus Geiser, Facharzt für Innere Medizin in Zofingen.

Wann arbeiten Sie persönlich lieber, im Sommer oder im Winter?

Schmid: Ganz klar im Sommer, da braucht es den Pfarrer nämlich gar nicht so dringend, denn die Menschen sind grundsätzlich zufriedener als im Winter. Mein Telefon klingelte selten im Sommer.

Fischer: Da muss ich nicht lange überlegen! Im Frühling und Sommer ist das Arbeiten für mich wesentlich angenehmer als im Winter. Ich leide selber unter der Dunkelheit, der Kälte und der Nässe.

Cadel: Schwierig zu sagen. Im Sommer hat man mehr Energie, ist effizienter. Im Winter hingegen hat man nicht das Gefühl, viel neben der Arbeit zu verpassen, es ist ja bei Arbeitsbeginn und – Ende dunkel… Generell ist das Arbeiten im Sommer entspannter, da wir immer viel Zeit draussen verbringen und häufig sogar draussen essen.

Muff: Ich arbeite Sommer und Winter gerne. Beide Jahreszeiten haben ihren Reiz.

Geiser: Im Sommer, keine Frage! Eigentlich möchte ich am liebsten von November bis im März zu Peter Richner nach Kambodscha arbeiten gehen…(lacht).

Wann merken Sie den Menschen, die Sie betreuen, an, dass der Winter im Anzug ist?

Muff: Mit der Dunkelheit im Herbst nimmt die Schwermütigkeit zu. Besonders der sogenannte «Totenmonat» November ist eine Zeit, in der viele unserer Betreuten sich der Verstorbenen erinnern und eine Art Heimweh nach dem früheren Leben, dem verstorbenen Partner, der Familie verspüren. Ich denke, es ist weniger die Angst vor dem eigenen Tod, die die Leute beschäftigt.

Fischer:  Im November und Dezember häufen sich bei mir die Anmeldungen von Jugendlichen mit Symptomen von Depression.

Schmid: Nach den Herbstferien, wenn es kalt, dunkel und nass wird, beginnt das, was wir unter Kollegen «Sterbesaison» nennen. Es häufen sich die Abdankungen, geheiratet wird dagegen kaum noch, ausser man muss (lacht).

Cadel: Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wo wir mit den Kindern die meiste Zeit drin verbringen müssen und sich die Krankheitsfälle häufen, dann kommt eindeutig der Winter.

Geiser: Ab Oktober gehen die «Wintergebrechen» richtig los. Zuerst mit Erkältungen, später dann kommt die erste Grippewelle, aber mittlerweile dauert das meistens bis im Januar. Natürlich häufen sich auch die Depressionen im Winter, wobei ich betonen möchte, dass wir alle im Winter eine melancholischere, gedämpftere Stimmung haben, bedingt durch das erniedrigte Serotonin. Eine SAD (Seasonal Affective Disorder) ist eine Verstimmung, die durch die Jahreszeit ausgelöst wird und im Sommer verschwindet, eine Depression hingegen ist eine jahreszeitenunabhängige Erkrankung.

Inwiefern verändern sich die Menschen in dieser Zeit?

Schmid: Im Sommer sind die meisten Menschen beschäftigt, bewegen sich genug, arbeiten im Garten, verbringen die Abende draussen und sind einfach zufrieden. Wenn die Tage kürzer und kälter werden, dann beginnt man nachzudenken, und dann machen sich alle Leiden, psychische und physische, die man den Sommer über gar nicht so deutlich wahrgenommen hat, wieder verstärkt bemerkbar. Es geht den Menschen vermutlich gar nicht schlechter, nur denken sie im Winter viel mehr darüber nach.

Fischer: Ich muss sagen, dass die Jugendlichen, die ich Ende Jahr mit Depressionen behandle, ihren Zustand selber eigentlich häufig nicht mit dem Winter in Verbindung bringen, wenngleich die Dunkelheit und die Kälte die Symptome verstärken mögen. Mit den Jahren habe ich festgestellt, dass es der Schulrhythmus ist, der eine viel stärkere Wirkung hat. Ende Jahr sind viele einfach erschöpft, denn seit den Sommerferien ist viel Zeit vergangen und der Druck in Schule und Lehrbetrieb ist stetig hoch… Was meine Theorie stützt: Vor den Sommerferien habe ich ähnlich viele Neuanmeldungen wie vor Weihnachten, sicherlich aus dem selben Grund.

Cadel: Der grösste Unterschied besteht wohl darin, dass die Kinder im Winter viel weniger draussen sind als im Sommer und sich deshalb auch weniger bewegen. Das macht sie anfälliger für Erkältungen und Krankheiten. Diese wiederum können sich schneller verbreiten, wenn viele Leute sich in geheizten Räumen aufhalten. Mir scheint manchmal auch, dass die Kinder im Winter, wenn es früher dunkel wird, öfter nach Mami und Papi verlangen. Kinder leben noch stark nach dem Hell-Dunkel-Rhythmus, und dunkel bedeutet eben zuhause sein, ins Bett gehen und schlafen.

Muff: Es besteht eine gewisse Gefahr, dass sich unsere Betreuten im Winter zu sehr zurückziehen. Die meisten bekommen im Winter weniger Besuch von den Angehörigen, trauen sich bei Eis und Schnee und Kälte oft nicht raus, sind aber dafür empfänglicher für gemeinsame Aktivitäten drinnen als im Sommer.

Geiser: Hauptfaktoren für die gedrückte Stimmung und die Antriebslosigkeit sind vermutlich Vitamin-D-Mangel und zu wenig Serotonin, ausgelöst durch zu wenig Tageslicht.

Wie reagieren Sie auf die Auswirkungen des Winters?

Muff: Wir bieten im Winter deutlich mehr Aktivitäten an als im Sommer. Wir veranstalten Teeabende, schnitzen Räbeliechtli, singen zusammen, backen Guetzli, es wird vorgelesen und die Betreuten erzählen einander oft auch selber gerne Anekdoten aus ihrem Leben. Die Geselligkeit und der Kontakt der Bewohner untereinander rückt im Winter stärker ins Zentrum als im Sommer. Wir versuchen alle Sinne der Betreuten anzusprechen, bringen auch mal einen Zuber voller Schnee mit ins Haus, lassen sie den Winter fühlen und riechen. Wir bieten zudem Wohlfühlbäder und –Massagen an, arbeiten mit farbigem Licht und achten auch darauf, dass das Essen im Winter vollwertig und etwas deftiger ist als im Sommer und genügend Vitamine enthält. Und natürlich versuchen wir auch im Winter stets, die Leute zum Rausgehen zu bewegen.

Cadel: Wir müssen den Tagesablauf in der Kita im Winter viel stärker strukturieren, damit es nicht «ausartet». Wir arbeiten in zwei altersgemischten Gruppen, die sich die Räumlichkeiten sinnvoll aufteilen müssen und untereinander absprechen müssen, wer wann rausgeht mit den Kindern. Man muss vielleicht auch sagen, dass ein schöner Winter mit Schnee und Sonnenschein für die Kinder fantastisch ist. Trübes, nasskaltes Wetter hingegen macht einen halt nicht so an, um rauszugehen, aber Bewegung draussen gehört einfach dazu, auch im Winter. Das Anziehen der Kinder dauert im Winter allerdings ungleich länger als im Sommer (lacht). Wichtig ist natürlich auch regelmässiges Stosslüften. Da wir uns im Winter viel drin aufhalten, fällt leider auch viel mehr Haus- und Putzarbeit an als im Sommer.

Schmid: Als Pfarrer muss man den Leuten aufgestellt begegnen und das Licht predigen. Das ist nicht immer so einfach, wenn man selber leidet unter der Dunkelheit und der Kälte des Winters. In meiner Anfangszeit als Pfarrer merkte ich, dass ich teilweise selber die Symptome der Menschen, die ich betreut habe, angenommen habe. Zum Glück hatte ich vor vielen Jahren die Gelegenheit, an einer Studie zur Lichttherapie teilzunehmen. Ich benutze diese Lampe bis heute und es hilft mir wirklich, ausgeglichener und positiver auf die Menschen zuzugehen. Daneben muss ich mich zwingen, regelmässig an die frische Luft zu gehen und die Jahreszeit einfach so zu akzeptieren, wie sie ist, dann erträgt man sie am leichtesten.

Fischer: Ich selber bin passiver, verspüre weniger Antrieb im Winter und meine Neugierde – etwas sehr Entscheidendes in der Arbeit als Psychotherapeut – ist geringer. Antidepressiva zu nehmen, wie das etliche Kollegen tun, kommt für mich nicht in Frage. Meine Waffe gegen den Winterblues besteht darin, Ende Jahr einige Zeit in ein warmes, helles Land zu verreisen. Damit komme ich dann fast durch, bis der Frühling anfängt. Ich sehe den Winter jedoch – so schwer ich mich selber damit tue – auch als Chance, dem Familienleben, dem Zusammensein mit geliebten Menschen, mehr Stellenwert einzuräumen. Mit der extensiven Mediennutzung passiert das leider immer weniger, denn die Menschen sitzen viel zu oft an ihren elektronischen Geräten. Vielleicht sitzen alle im selben Raum oder in derselben Wohnung, aber jeder in seiner eigenen Welt.

Geiser: Ich tue selber, was ich auch meinen Patienten rate: Ich bewege mich jeden Tag eine Stunde draussen. Das hilft auf jeden Fall, auch wenn die Sonne nicht scheint, denn es regt die Serotonin-Produktion an. Man kann diesen Effekt auch mit Schokolade erreichen, aber auf die Dauer ist Bewegung wohl empfehlenswerter (lacht). Ich verschreibe auch regelmässig Lichttherapie, die wirkt gut und ist nebenwirkungsfrei. Johanniskraut verschreibe ich auch gerne bei leichten depressiven Verstimmungen, ein bewährtes Hausmittel!

Welchen Stellenwert haben die Weihnachten für Sie?

Geiser: Auf meine Arbeit hat Weihnachten wenig direkte Auswirkungen. Mir persönlich bedeuten Weihnachten nicht mehr so viel, seitdem meine Kinder erwachsen sind. Ich bin gerne in den Bergen an Weihnachten.

Cadel: Ich bin selber Mutter von einjährigen Zwillingen. Dieses Jahr werden sie zum ersten Mal wirklich etwas von Weihnachten mitkriegen, darum haben wir nur sehr wenige Verpflichtungen im ganzen «Weihnachtsmarathon» angenommen. Wir feiern wirklich nur am 24. Und am 25. Dezember. Im Advent haben wir bewusst die Wochenenden freigehalten, um der ganzen Hektik etwas Ruhe und Besinnlichkeit entgegenzuhalten.

Muff: Weihnachten sind ein sehr emotionales Fest und das soll auch bei uns im Sennhof so sein. Die Leute möchten Weihnachten möglichst so feiern, wie sie es daheim getan haben, also mit Essen, Trinken, Singen und natürlich mit einem Weihnachtsbaum und Geschenken darunter, ganz traditionell. Als meine Kinder kleiner waren, habe ich sie ab und zu an die Weihnachtsfeiern im Pflegeheim mitgenommen. Zu sehen, wie sich unsere Leute auch über kleine Präsente wahnsinnig freuen können, hat sie beeindruckt und geprägt. Mittlerweile sind die Kinder erwachsen, aber wir feiern jedes Jahr am 25. Dezember Weihnachten, und zwar immer mit Poulet und Pommes Frites. Eine Menu-Änderung steht ausser Diskussion (lacht).

Schmid: In den letzten 35 Jahren waren Weihnachten für mich fast die arbeitsintensivste Zeit des Jahres: Viele Feiern an vielen Orten, an denen ich engagiert bin, Gottesdienste, Notfälle…. Meine Familie ist ein wenig «Weihnachts-geschädigt» (lacht), das muss ich zugeben. Heuer wird also das erste Jahr sein, in dem wir wirklich mal für uns feiern können, darauf freue ich mich. Generell habe ich jedoch das Gefühl, Weihnachten würde immer mehr entwertet, mittlerweile beginnt der ganze Rummel ja schier nach den Herbstferien. Am Ende versuchen alle doch nur, die Weihnachten zu erleben, die man als Kind erlebt hat, aber ob das möglich ist…?

Fischer: Bei den Jugendlichen, die ich therapiere, ist Weihnachten kein grosses Thema. Bei uns in der Familie eigentlich auch nicht, jedenfalls nicht im Sinne eines christlichen Rituals, sondern eher als geselliges Familienfest. Das wichtigste ist doch, dass man eine fröhliche Runde ist, in der man essen, trinken und plaudern kann.

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