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Warum Chia-Samen, wenn es doch Schweizer Leinsamen gibt?

Wie gesund ist Super-Food?

Superfood

 | Bild: www.evidero.de

Goji-Beeren, Chia-Samen oder Moringa-Blätter sollen wahre Wunder für unsere Gesundheit bewirken, so die Werbebotschaft. Die Wissenschaft bezweifelt dieses Versprechen.

14.04.2016 14:36, AZ/NW, 0 Kommentare

Irgendwo im Grünen, weit weg von der Hektik der Grossstadt, lebt ein Volk, das einfach keine Krankheiten kennt. Kein Rheuma, keine Infarkte, kein Übergewicht und keinen Krebs, und die Menschen werden steinalt. Sie verdanken das einer Frucht, oder einem Essig, oder einem Tee, oder einem Joghurt. Oder was auch immer, dennSuper-Food wird fast immer mit der gleichen Geschichte verkauft: Ein pumperlgesundes Volk und seine Wundernahrung, die es leider nicht im Gemüseregal unserer Supermärkte gibt, weswegen man sie woanders kaufen muss. Etwa im Internet, im Reformhaus oder Naturkostladen und – für viel Geld. Doch der Nutzen dieser Investitionen ist zweifelhaft.

Fragwürdige Wirkung
Anfang der 1990er war die grosse Zeit des Apfelessigs, ein Jahrzehnt später kam Noni, und heute sind die Açaí-Beere und der Federkohl «Kale» angesagt. «Die Art der einzelnen Super-Foods ist sehr variabel», erklärt Christine Dudle-Crevoisier von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE). «Sie sollen unseren Körper mit einem Extra an lebenswichtigen Nährstoffen versorgen, gegen Müdigkeit, Abgeschlagenheit, das Altern und sogar gegen allerlei Krankheiten wirken». Doch bei näherer Betrachtung fände man für diese Behauptungen «keinen wissenschaftlichen Hintergrund».

So gehört zu den typischen Vermarktungsstrategien, die antioxidativen Kräfte der Wunderlebensmittel zu preisen. Der Grund: Viele Erkrankungen werden mitverursacht durch oxidativen Stress, also durch freie Radikale. Diesen Molekülen fehlt ein Elektron, und zum Ausgleich dieses Mangels bedienen sie sich bei Zellen und organischen Substanzen, die dadurch erheblichen Schaden nehmen können. Mit antioxidativen Radikalefängern kann man hier gegensteuern, weswegen man diese in grossen Mengen zuführen sollte. Das klingt logisch, vernachlässigt aber zwei wichtige Faktoren: Dass nämlich die antioxidativen Prozesse sehr komplex sind und sich nicht ohne weiteres durch einen zugeführten Stoff beeinflussen lassen. Und wir durchaus einige oxidative Prozesse brauchen, beispielsweise zur Abwehr von Bakterien oder Viren, weswegen man sich nicht mit antioxidativen Stoffen fluten sollte.

Angela Clausen von der Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen warnt deshalb davor, antioxidative Substanzen wie etwa Vitamine und sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe nach dem Motto «Je mehr, desto besser» zu konsumieren. Offenbar anders sehen das die Hersteller. Sie preisen ihre Produkte – obwohl in der EU verboten – gerne als Spitzenreiter beim sogenannten ORAC-Test an. Mit diesem misst man, wie schnell ein Lebensmittel freie Radikale entschärft. Dadurch wird dem Kunden suggeriert, etwas besonders Gutes für seine Gesundheit zu tun. «Der ORAC-Test wird jedoch im Labor durchgeführt», betont Clausen. Er treffe keine Aussage darüber, inwieweit das betreffende Lebensmittel auch im menschlichen Körper freie Radikale einfängt.

So wird die chinesische Goji-Beere aufgrund ihrer antioxidativen Eigenschaften sogar als «Krebshemmer» angepriesen, obwohl die Anbieter dafür lediglich eine über 20 Jahre alte Studie angeben können, die nicht mit Beeren durchgeführt wurde, sondern mit isolierten Goji-Polysacchariden. «Goji-Produkte werden als Healthfood angepriesen», warnt Alison Hornby von der British Dietic Association, «doch die gesundheitlichen Wirkungen wurden an hoch konzentrierten Extrakten nachgewiesen, die man im Handel praktisch nicht kaufen kann».

Bei den Anthocyanen der Açaí-Beere ist noch fragwürdiger, ob sie ihre – im Labor nachgewiesene – entzündungshemmende und antioxidative Kraft auch im menschlichen Körper entfalten können. Denn diese Wirkstoffe haben eine geringe Bioverfügbarkeit, werden also von unserem Organismus nicht etwa euphorisch, sondern nur sehr zurückhaltend aufgenommen. Ganz zu schweigen davon, dass Anthocyane nicht nur in der Açaí-Beere vorkommen: Auberginen, Heidelbeeren und schwarze Johannisbeeren enthalten ähnlich hohe Werte.

Einheimische Alternativen
Trotzdem werben die Anbieter nicht nur mit dem antioxidativen Hinweis, sondern auch damit, dass Açaí überschüssige Pfunde «einfach so dahinschmelzen lässt». Gerade in Europa dürfte das jedoch kaum klappen. Denn hier wird die Beere hauptsächlich als Extrakt verkauft, das zu einem Drittel aus Fett besteht. 100 Gramm des Fruchtpulvers liefern daher über 500 Kalorien, also so viel wie ein halbes Kilogramm mageres Rindfleisch.

Auch die vom tropischen Meerrettichbaum gewonnenen und getrockneten Moringa-Blätter taugen – in Kontrast zu den Werbeaussagen ihrer Anbieter – nur wenig als Abspeckhilfe. Sie enthalten zwar weniger Fette, doch dafür umso mehr Proteine, weswegen man mit ihnen seinen kompletten Eiweissbedarf decken könnte. Das kann zwar für einen Veganer sinnvoll sein, für einen Mischköstler kann es jedoch in einer Protein-Überdosis ausmünden.

Die südamerikanischen Chia-Samen werden weniger mit Eiweissen als mit Omega-3-Fettsäuren beworben, weswegen sie angeblich vor Diabetes schützen können. Dieser Zusammenhang ist aber keinesfalls sicher. Und dass Chia-Samen keineswegs überragend mit ihrem Fettsäureprofil dastehen. «Die hiesigen Leinsamen stehen ihnen beim Fettsäuregehalt in nichts nach», betont Dudle-Crevoisier. Warum also die langen, teuren Transportwege der Chia-Samen in Kauf nehmen, wenn es bei uns genügend Alternativen dazu gibt?

Genuss | Kochen

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