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Weshalb Pedro Lenz als Jugendlicher alle Hofer-Texte transkribierte

Mut zur Normalität der Sprache

Polo Hofer

 | Bild: MICHAEL SIEBER/EX-PRESS

Schriftsteller und «Nordwestschweiz»-Redaktor Pedro Lenz über Polo Hofer, der ihn ermutigt hat, Geschichten in verständlicher Umgangssprache zu erzählen.

26.07.2017 11:15, Pedro Lenz/AZ, 0 Kommentare

Mundartliteratur, Mundartchansons, Mundartpoesie und Mundarttheater waren längst schon da, als Polo Hofer den Mundartrock ins Rollen brachte. Mundartkunst gab es also schon. Den Rock gab es auch schon. Es wäre demnach vielleicht unpräzis zu behaupten, Polo Hofer hätte den Mundartrock erfunden. Der Mann aus Interlaken war ohnehin eher Finder als Erfinder. Und vielleicht ist er gerade deswegen zum ganz grossen Motor der Mundartbewegung in der Schweiz geworden.

Polo Hofers Beitrag an die Mundartkunst war sein unbestechliches Sprachgefühl für Normalität. Denn während sich manche Mundartliteraten als Sprachbewahrer verstanden und andere aus der Mundart konkrete Poesie herausschälten, während einige das humoristische Potenzial der Mundart zum Vorschein brachten und andere die Besonderheiten des Vokabulars hervorhoben, schrieb Polo einfach seine Lieder. Nicht bei Gotthelf, Alfred Rasser, Ruedi Walter, Trudi Gerster, Mani Matter, Emil Steinberger, Ernst Eggimann, Trudi Gerster, Franz Hohler oder anderen unbestrittenen Grössen mundartM licher Sprachkunst ist Polo Hofer in die Schule gegangen, sondern bei seinen amerikanischen Ikonen.

Meitschi vom Wyssebüehl
Polo hatte seinen Blick von früher Jugend an nach Amerika gerichtet. Er liess sich vom Blues und vom Rock ’n’Roll inspirieren. Er kannte die amerikanische Musik wie wohl kaum einer in der Schweiz. Er hatte sich richtiggehend imprägnieren lassen von allem, was musikalisch und textlich in den USA vor sich ging. Und als er anfing, seine eigenen Songs zu schreiben, tat er genau das, was seine Vorbilder schon vor ihm getan hatten: Er erzählte Geschichten aus seinem Lebensumfeld in der Sprache dieses Lebensumfelds. Chuck Berrys Familiensprache ist auch die Sprache, in der er Lieder singt. Wenn Bob Dylan dichtet, dichtet er in der Sprache, die er täglich braucht. Und während Tom Waits sein «Jersey Girl» besang, machte Polo Hofer sein «Meitschi vom Wyssebüehl» draus.

«I bi verliebt, äs isch äs herrlechs Gfüehl, i nes Meitschi vom Wyssebüehl.» So banal das klingen mag, es ist keine falsche Silbe drin. Jedes Wort ist ein Wort aus dem gebrauchten und bekannten Wortschatz. Dabei hat Polo Hofer – und das macht seinen Instinkt als Dichter und als Künstler aus – nicht interlinear übersetzt, was Tom Waits vorgegeben hatte. Er hat sich einfach von der amerikanischen Grossstadtgeschichte inspirieren lassen und eine Berner Quartiergeschichte draus gemacht. Polo wusste selbstverständlich, dass Jersey am gegenüberliegenden Ufer von Manhattan liegt, und dass Bern wenig mit New York zu tun hat. Aber er wusste eben auch, dass sich Liebe überall auf der Welt gleich anfühlt, und dass ein Rock-Song einfach und natürlich klingen muss, wenn er bei den Leuten das Herz treffen soll.

Als ich zur Schule ging, in der zuweilen fast erstickenden Normalität des Mittellands der 1970er-Jahre, kannten wir lange Zeit nur zwei Sorten von Unterhaltungsmusik: Deutschen Schlager und englischsprachigen Rock. Die englischen Texte verstanden wir nicht und die Schlagertexte hatten mit uns sehr wenig zu tun.

Meine erste Single
Dann erhielt ich als Zwölfjähriger meine erste Single von «Rumpelstilz» geschenkt. Die A-Seite erzählte die Geschichte eines Typen, der von allen angebettelt wird und dabei selbst in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Da hiess es unter anderem: «Si wei alli öppis vo mer, ds Militär u ds Stüürbüro – derbi hei si erscht grad geschter mi Zahltag übercho.» Ich musste mir in diesem Alter erst erklären lassen, was eine Lohnpfändung ist. Dennoch spürte ich, dass es in diesem Text um etwas aus dem Leben geht, um etwas Existenzielles. Die B-Seite der Single erzählte von einem Karussell, das immer weiterdreht. Aber das Karussell hiess nicht Karussell, sondern «Rösslispiel», so wie wir das Karussell nannten, wenn wir im Dorf auf den Rummelplatz durften. «Ds Rösslispiel dräit immer witer, geng im Zouberkreis vor Zyt, wos weder Änd no Aafang git.» Das war Poesie, die ich in diesem Alter kaum erfassen konnte, die mich aber ansprach, weil ich sie verstand und nachsingen konnte.

«I can’t get no satisfaction» tönte auch sehr gut, aber ich kam nie auf die Idee, über den Sinn dieser Worte nachzudenken, weil Englisch viel zu weit weg war. Genau wie es mir nie eingefallen wäre, zu vermuten, die Textzeile «Ich fand sie irgendwo, allein in Mexiko, Anita», von Costa Cordalis, die damals täglich im Radio zu hören war, könnte irgendetwas mit meiner Lebenswirklichkeit zu tun haben.

Hochdeutsch war die Sprache des Schulunterrichts und der Radionachrichten und Englisch war die Sprache der weiten Welt. Aber die Sprache, in der wir uns untereinander Geschichten erzählten, die Sprache, in der wir keine Angst davor haben mussten, ungeschickt, falsch, lächerlich oder künstlich zu klingen, war die Mundart. Doch wenn wir Mundart in einem kulturellen Zusammenhang zu hören bekamen, etwa bei den Ueli-Filmen am Fernsehen oder bei den Trudi-GersterSchallplatten, war es wieder nicht unsere, sondern eine andere, künstlich verbesserte oder vermeintlich kindergerecht herausgeputzte Sprache, die unserer Alltagssprache kaum noch ähnlich war.

Bleibender Eindruck
Das muss der Grund dafür gewesen sein, dass bei mir die ersten Songs von Polo einen derart bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Sie klangen so, wie unsere Sprache normalerweise klingt.

Bald begann ich die Lieder der Gruppe «Rumpelstilz» zu transkribieren und auswendig zu lernen. Wenn ich heute über diese Songs von vor vierzig Jahren schreibe, zitiere ich jede Zeile aus der Erinnerung. Polo Hofer sang im Lied «Silbernadle» über einen Drogentoten: «Si hei ne gfunde, im dunkle Chäller unde, e Silbernadle töif im Arm u chalt wi Iis, dass Gott erbarm.» Das war glaubhaft, denn uns hatte man von Drogentoten im Dorf erzählt.

In «Rote Wy» ging es um Landflucht, Einsamkeit und Alkohol: «Mi Vatter het buret, uf em ne Hof ir Lochmatt, aber mi hets zoge, zu de Liechter vor Stadt. I bi Püezer worde, ha gwärchet jede Tag. D Chinder si gross, d Frou liit bim Fridhofhag. – Drum bring no nes Glas, schänk mer ii, chumm sitz häre und blib no ne chli, sing mer es Lied, la nis luschtig si, la mi vergässe, bim rote Wy.» Dass manche Arbeiter damals Bauernsöhne waren, die den elterlichen Hof verlassen hatten und in der Stadt ihr Glück versuchten, war eine Realität, die sich mir bei diversen Ferien-Jobs erschlossen hatte. Dass Polo Hofer diesen Menschen ein Lied widmete, dünkte mich korrekt und absolut gerechtfertigt. Wozu sonst soll man Lieder schreiben, wenn nicht dafür, die Welt, die einen umgibt, in verständliche Worte zu fassen? So dachte ich als Jugendlicher, und so denke ich bis heute. Literatur machen heisst, die Welt verstehbar machen.

Als sich die Band «Rumpelstilz» aufgelöst hatte und Polo Hofer fortan mit «Polos Schmetterband» durch die Konzertsäle zog, reisten wir ihm mit Fahrrädern und Mofas in die Mehrzweckhallen der Region nach.

«Säg, isch es rächt, we me chrampfet wi ne Chnächt und si zahlen eifach schlächt, si gäben eim kes Rächt, me isch machtlos gäge d Mächt, wo nid da si für di Schwache? Säg, isch es fair, wenn einen im ne Heer muess loufe, dass er s lehr, wi men umgeit mit em Gwehr, ou wenn ärs nid wott mache», diese Anfangszeilen aus dem Song «Psycho-motorische-Wäutschmärzreggea» gingen dem Jugendlichen, der ich damals war, runter wie flüssiger Honig. Polo Hofer hatte für jedes Lebensgefühl eine Sprache, die man verstehen und spüren konnte. Es war eine derart einfach wirkende Sprache, dass sie nicht bloss bei mir den Irrglauben auslöste, sie stehe jedem offen, der sich bei ihr bedienen will, und alles, was sich in dieser Sprache reimt, sei bereits Kunst. Es brauchte viele Jahre und viel harte Arbeit, bis ich merkte, wie schwierig es ist, auf die Normalität der Umgangssprache zu vertrauen.

Polo Hofers literarisches Verdienst ist die Ermutigung zur Nachahmung. Sein Charisma verlangte geradezu danach, ihn auf irgendeine Weise kopieren zu wollen. Kinder lernen durch Nachahmung und Beobachtung. Künstler auch. Polo Hofer selbst hat dies in unvergleichlicher Weise vorgelebt.

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