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Fähnlifrässer

Kuschelschock

Apres Ski

 | Bild: http://www.flachau.at

Junge Leute tun mir manchmal ein wenig leid. In einer Zeit, in der sich 50-Jährige wie 30-Jährige fühlen und sich anziehen wie 20-Jährige, ist es für die Jugend fast unmöglich geworden, die Alten in irgendeiner Weise zu schockieren.

20.04.2017 14:24, schwe, 0 Kommentare

Vor 30 Jahren waren die Möglichkeiten, sich aktiv von der Generation der Eltern abzugrenzen, noch wesentlich zahlreicher und der Schockeffekt beinahe garantiert, selbst wenn man – wie ich selber – weder besonders alte, noch besonders biedere Eltern hatte. Diesen Gedanken hatte ich am Karfreitag, den ich in Gesellschaft zahlreicher Menschen zwischen 20 und 30 verbrachte. Die jungen Menschen waren fast alle tätowiert, auch die weiblichen. Etliche trugen zerrissene Jeans und waren gepierct, unter den Männern waren einige Vollbart-Träger. Nichts also, was mich daran erinnert hätte, dass ich der Vater der meisten Anwesenden hätte sein können und absolut gar nichts, was mich schockiert hätte. Auch die Tatsache, dass das Bier schon ab dem Mittag zügig floss, fand ich unproblematisch.
Im Verlaufe des Nachmittags wurde auf zwei Tischen Beer-Pong gespielt, eine Sportart ganz nach meinem Geschmack, auch wenn die Becher aus putztechnischen Gründen nur mit Wasser gefüllt waren und wir das Bier deshalb parallel aus Dosen tranken. Es war ein richtig fröhlicher Tag und das blieb er auch, nachdem es die jungen Männer, wenn auch unabsichtlich, wider Erwarten geschafft hatten, mich doch ein wenig zu schockieren. Nein, es hat keiner auf den Beer-Pong-Tisch gekotzt (was auch nicht wirklich schockierend gewesen wäre), Schlägereien gab es auch keine und zu Fäkal-Ausdrücken griffen die jungen Männer nicht öfter als ich. Nein, der Schocker war viel raffinierter, er kam quasi im Schafspelz daher: Biene Maja! Und zwar in akustischer Form und aus dem Handy. Klar dachten die Männer bei der Musikwahl auch an die beiden neben den Beer-Pong-Tischen spielenden Mädchen, aber trotzdem: Biene Maja? Ich war, vorsichtig ausgedrückt, etwas irritiert, vor allem, als auf die Biene noch allerhand Après-Ski-Artiges folgte. Ich versichere Ihnen, es handelte sich um ganz, ganz grässliches Zeug, was da aus einem iPhone schepperte. Meine Proteste wurden mit Lachen quittiert, es wurde mir sogar versichert, der Besuch einer «Musikantenstadl»-Aufzeichnung sei «ziemlich geil», der Volksschlager-Abend auf dem Heitere «der Höhepunkt des Wochenendes» und ein Konzert von Helene Fischer würde man auf jeden Fall auch mal besuchen, warum denn nicht?

Während ich selber als Jugendlicher nicht müde wurde, meinen Eltern zu erklären, dass der dritte Weltkrieg, der sich aus den Boxen meiner Stereoanlage quälte, kein «organisierter Krach», sondern Musik sei, kümmern sich die jungen Leute heute gar nicht mehr darum, was die Alten von der Musik halten, die sie hören. Das ist natürlich richtig so! Ob sie für «ihre» Musik und die Verteidigung derselben den Alten gegenüber ebenso viel Leidenschaft aufbringen, wie wir es taten, wage ich zu bezweifeln, vermute aber gleichzeitig, dass Leute wie meine Freunde und ich wesentlich daran schuld sind. Es muss für unsere Kinder nämlich ziemlich ermüdend gewesen sein, den stundenlangen Referaten über die neuste, supercoole Garagen-Rock-Band, die kein Schwein kennt, zu folgen. Wir sind darum selber schuld, dass uns die Kinder heute mit Links auflaufen lassen. Nur mit ein bisschen Schlagermusik! 

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