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Bildet sich der moderne Mensch tatsächlich ein, seine Zeit effizient zu nutzen?

Höflichkeit im digitalen Wandel

Handys

Ist es frech, jemanden mit einem Anruf zu belästigen, wenn eine Whatsapp-Nachricht so viel effizienter wäre? Ein Essay über den Zeitgeiz.

29.03.2016 14:55, Eduard Käser/AZ, 0 Kommentare

Technik redet in Fragen der Etikette ein wichtiges Wort mit. Zum Beispiel das Handy. Es gehört heute schon zur Normalität einer Tischgesellschaft oder Gesprächsrunde, dass mindestens ein Teilnehmer abwesend anwesend ist, also seinem mobilen kleinen Partner mehr Aufmerksamkeit schenkt als den menschlichen Partnern. Den einen erscheint das als ungezwungene Kommunikation im Netzzeitalter, den andern stösst das als unanständiger Bruch mit den Manieren auf. Nun sind Manieren ja keine Naturkonstanten, vielmehr Indikatoren für soziale und kulturelle Veränderungen. Und deshalb bietet sich Technik auch als Leitfaden zu einer Geschichte der Höflichkeit an.

Bloss ein kurzes Hallo
Nehmen wir das erzbanale «Hallo». Heute die normalste Gesprächseröffnung, war es im 19. Jahrhundert als solche so gut wie unbekannt. Es gehörte nicht zum guten Ton, mit jemandem ein Gespräch anzufangen, ohne zuerst vorgestellt zu werden. Das britische «Hullo», aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammend, bringt nicht primär Gesprächsbereitschaft zum Ausdruck, sondern Überraschung: «Hallo, wen haben wir denn da!» (heute auch Verärgerung oder Sarkasmus: «Hallo, hast du verstanden, wovon hier die Rede ist!»).

Mit den ersten elektrischen Telekommunikationsgeräten stellte sich auch die Frage nach der passenden kurzen Grussform. Zwei Hauptangebote standen zur Diskussion, Graham Bells «Ahoi» und Thomas Edisons «Hallo», das er in die Schalldose seines 1877 erfundenen Phonographen gerufen haben soll. «Hallo» war der traditionelle Ruf, um die Jagdhunde anzufeuern, und er ist eng verwandt mit dem Ruf «Hilla», «Hillo», «Holla», mit dem man jemanden auf Distanz begrüsst. Und genau das tut man ja am Telefon. Edisons «Hallo» setzte sich auf der ganzen Linie durch. 1883 wurde es in den Oxford English Dictionary aufgenommen. «Hallo girls» nannte man die ersten Telefonistinnen in den 1880er-Jahren. Mark Twain verhalf dem Wort in seinem Sketch «A Telephonic Conversation» (1880) zum Einstieg in die Literatur.

Halten Sie sich kurz!
Im März 2013 regte Nick Bilton, Technik-Journalist bei der «New York Times», in einem Blog die Umwertung der konversationellen Werte an. «Einige Leute sind so unhöflich,» schrieb er damals: «Wirklich, wer sendet ein E-Mail oder eine SMS-Nachricht, die bloss ‹Danke› mitteilt? Wer hinterlässt eine gesprochene Nachricht auf dem Anrufbeantworter, statt einen Kurztext zu schicken? Wer bittet einen um eine Auskunft, die man googeln kann? Ist diesen Leuten eigentlich bewusst, dass sie unsere Zeit verschwenden? Die Combox ist zum Beispiel eine unhöfliche Art, mit jemandem Kontakt aufzunehmen. Man überlege nur einmal, wie lange es dauert, auf sie zuzugreifen, und dann diesen gewundenen Mitteilungen zuzuhören: ‹Hi, hier ist So-und-so...› (..) Und schliesslich gibt es die schlimmsten Missetäter, jene, die ein Mail schreiben, um mitzuteilen, dass sie eine gesprochene Nachricht hinterlassen haben.»

Sein Vater, so Bilton, habe die Lektion nach einem Dutzend Voice-Mails an den Sohn gelernt, nachdem dieser nie antwortete. Mit seiner Mutter verkehrt Bilton vorzugsweise via Twitter. Weil er offensichtlich bereits jetzt in der Zukunft lebt (eines seiner Bücher trägt den Titel «Ich lebe in der Zukunft und so funktioniert das»).

Nun gibt es sicher eine Menge Redundanzen im Netz (allerdings auch im konventionellen Gespräch). So gesehen kann man sich fragen, ob im Zeitalter der kommunikativen Inkontinenz «Unhöflichkeit» nicht als selbstschützende Anästhetisierung gegen die Flut ungebetener und zeitverschwenderischer Gesprächsangebote zu betrachten sei. «Leuten, die in digitaler Kommunikation ertrinken, erscheinen viele soziale Normen nicht mehr sinnvoll», schreibt Bilton. Anderen Leuten dagegen schon. Eine Leserin redet Fraktur: «Das ist ein Soziopath – und Sie stellen ihn an?»

Vor Pathologisierungen sollte man sich hüten, dennoch lassen sich in Biltons Plädoyer Anzeichen eines «beschädigten Lebens» ausmachen, das Theodor W. Adorno in seiner berühmten «Minima Moralia» vor über einem halben Jahrhundert beschrieben hatte. Adorno sprach von einer «Erkrankung des Kontakts». Symptome dafür: Man begrüsst sich, «anstatt den Hut zu ziehen, mit dem vertrauten Hallo der Gleichgültigkeit», oder man schickt sich «anstatt von Briefen (..) anrede- und unterschriftlose Inter office communications.»

Die Menschlichkeit verkümmert
Eine gewisse Wehmut nach Grossbürgeretikette liesse sich heraushören, wäre da nicht der erbarmungslose analytische Bescheid, der nun wie auf die heutige Situation zugeschnitten erscheint: «Die praktischen Ordnungen des Lebens, die sich geben, als kämen sie den Menschen zugute, lassen in der Profitwirtschaft das Menschliche verkümmern, und je mehr sie sich ausbreiten, um so mehr schneiden sie alles Zarte ab.»

Ich vermute, genau das war es, woran viele Leserinnen und Leser von Biltons Kolumne Anstoss nahmen: die Exzision des Zartsinns aus dem Gewebe der Kommunikation. Denn die Rede von «unnötiger», «belastender», «ärgerlicher», «zeitverschwenderischer» Kommunikation verrät ja implizite den (Un)Geist der Profitmaximierung menschlicher Beziehungen. Wer zu fragen beginnt, was an einem Gespräch oder einer Begegnung um der Effizienz willen ausgemerzt werden kann und soll, reduziert soziale Probleme auf Redundanzvermeidung. «Effizienz» gehört zum Vokabular des Ingenieurs; in der Anthropotechnologie der Zauberlehrlinge von Silicon Valley sind Individuen, Familien, Gemeinschaften «upzugradende» Systeme.

Neue Medien mögen bestimmte Freundlichkeitsformen überflüssig machen, nicht aber Freundlichkeit. Sie sucht und findet andere Formen der Authentizität: zärtliche Phone-Anrufe, liebevolle SMS-Nachrichten, ein Emoticon, ein Gruss via MP3-Song. Warum soll man solche Botschaften nicht verwenden, solange sie als Angebote in einer Palette von Möglichkeiten figurieren? Entscheidend dabei ist, diese Palette nicht verkümmern zu lassen. Und genau diese Gefahr droht im heute herrschenden Zeitregime.

Zeit für Zärtlichkeit

Kommunikation ist ein Tauschgeschäft. Ausgetauscht werden Information, Aufmerksamkeit, Zuneigung oder Abneigung. Ich gebe dir meine Zeit, wenn ich dein E-Mail oder deine SMS-Nachricht lese. Tue ich das nicht, heisst das, dass mir die Zeit dafür zu teuer ist. Ich entwickle einen Zeitgeiz. Und genau dann falle ich in das Biltonsche Verhaltensmuster. Vom anderen «effizientes» Gesprächsverhalten einzufordern, bedeutet, das Diktat in der zwischenpersönlichen Beziehung zu übernehmen: Halte dich gefälligst an die Regeln der Gesprächsökonomie, Dummkopf!

Untergründig und hinterlistig sickert damit die Profitwirtschaft in unsere Seelen. Wir opfern Aufmerksamkeit und Sorge – soziales Kapital also – einer schnellen Erledigungsagenda. Effizienz ist dabei die übermächtige Gleichmacherin. Echte soziale Beziehungen sind aber nicht effizient und gleichmacherisch. Gewiss, alle Menschen sind gleich – was Recht und Würde betrifft –, aber einige Menschen sind für mich immer gleicher als andere, man könnte auch sagen: weniger gleichgültig. Ohne Beziehungshierarchie keine Wert- und Wichtigschätzung.

Eine Person zu schätzen, heisst, sie über andere zu stellen, in dem Sinne, dass sie schlicht mehr Aufmerksamkeit, Zuwendung – mehr Zeit «verdient». Weil mir diese Person etwas «sagt», kann sie mir alles sagen: die mir nächsten Dinge, den redundantesten Müll. Der Inhalt ist irrelevant. Alles entscheidend ist das «Zarte»: das Teilen der Zeit.

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