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Am 16. August vor 40 Jahren starb der King of Rock’n’Roll

Im goldenen Käfig

Elvis

1957 kaufte Elvis Presley Graceland am Rande von Memphis und zog mit seinen Eltern ein. 20 Jahre später starb er hier.  | Bild: © Michael Ochs Archives

Ein Besuch in Graceland. 40 Jahre nach dem Tod von Elvis Presley, dem King of Rock ’n’Roll.

Billard-Zimmer mit drapierten, gemusterten Stoffen an Wand und Decke.
 | Bild: Shutterstock

16.08.2017 07:00, Stefan Künzli/AZ, 0 Kommentare

Es war schon gegen Morgen in Graceland. «Schatz, ich gehe jetzt ins Badezimmer und lese dort», sagte Elvis zu seiner Verlobten Ginger Alden. Sie schlief ein. Elvis hatte seinen täglichen Nachtcocktail mit Seconal, Placidyl, Valmid, Tunal und Demerol eingenommen und Nachschub angefordert. Er klagte über Zahnschmerzen und wollte erst wieder um 19 Uhr aufstehen. Als Ginger um 13.30 Uhr aufwachte und ins Badezimmer ging, lag dort Elvis in seinem Erbrochenen am Boden. Die goldene Pyjamahose heruntergezogen. Jede Hilfe kam zu spät. Der King war tot.

Herzinfarkt lautete die offizielle Diagnose. Zweifel an der offiziellen Version führten zu einer Reihe von abstrusen Theorien. Heute ist man sich weitgehend einig, dass Elvis Opfer seines Drogen- und Tablettenkonsums wurde. Allein in seinem Todesjahr soll ihm sein Arzt rund 10'000 Medikamente verschrieben haben. «Er nimmt Pillen, um schlafen zu können. Pillen, um wach zu werden. Pillen, um auf die Toilette gehen zu können, und Pillen, um nicht mehr auf die Toilette gehen zu müssen. Sein Organismus funktioniert nicht, wie der eines normalen Menschen. Die Pillen nehmen ihm die Arbeit ab», schrieben frühere Angestellte im Buch «Elvis – What happened?» kurz vor seinem Ableben.

Dschungelatmosphäre im grünen Jungle Room.
 | Bild: HO

40 Jahre nach seinem Tod erinnert die Stadt Memphis im Bundesstaat Tennessee an den King of Rock ’n’Roll (siehe Box). Hier, in den legendären Sun-Studios an der Union Avenue, wurde er im Juni 1953 entdeckt. Hier lebte er von 1957 bis zu seinem Tod in der Südstaaten-Villa «Graceland» am Rande der Stadt. Hier, in diesem weitläufigen Anwesen, hat sich Elvis sein eigenes Reich geschaffen. Hier herrschte er uneingeschränkt, hier regierte er absolut, hier war er König. Paradox: Superstar Elvis bezog Graceland im Frühling 1957 mit seinen Eltern, um die Fanmassen fernzuhalten. Er schirmte sich von der Aussenwelt hermetisch ab. Heute ist das Anwesen genau das Gegenteil, ein Pilgerort für die Fans. Nur das Weisse Haus in Washington ist noch begehrter. 600000 Besucher sind es pro Jahr, die happige 70 Dollar bezahlen, um einen Einblick in das bizarre Leben des verstorbenen King zu erhaschen. Trotzdem lohnt es sich. Nicht nur für Elvis-Fans.

Die interaktive iPad-Tour führt durch die Wohnräume und Küche des Hauses, durch das im Keller gelegene Billardzimmer mit Bar und den hellgelben Fernsehraum. Kommentare und Geschichten um Elvis reichern den Rundgang an. Mit seiner 57er Magnum soll er immer wieder auf seine Fernseher geschossen haben, wenn ihm das gebotene Programm missfiel. «Wenn er schlechte Laune hatte und jemand Bestimmten im Fernsehen sah oder etwas nicht verstand, musste man damit rechnen, dass er auf den Bildschirm schoss. Er durfte das, er war Elvis», erzählt seine Ex-Frau Priscilla Presley, «wir verschlissen schon so einige Fernsehgeräte. Elvis war kompliziert, aber gleichzeitig auch einfach gestrickt. Fürwahr ein einzigartiger Charakter.»

Höhepunkt im Erdgeschoss von Graceland ist der legendäre Jungle Room. Mit seinem grünen Teppich, den exotischen Pflanzen und Tieren ist das Zimmer von Elvis’ Lieblings-Ferienziel Hawaii inspiriert. In dieser einzigartigen Dschungelatmosphäre hat er im Februar und Oktober 1976 seine beiden letzten Alben «From Elvis Presley Boulevard, Memphis, Tennessee» und «Moody Blue» aufgenommen. Die gewaltige Kitsch-Explosion von Graceland bezeugt Elvis’ exzentrische Art, seinen ausgefallenen Geschmack, sein Flair für das Aussergewöhnliche und den Hang zum Opulenten und Übertriebenen.

Die obere Etage ist gesperrt. Ein streng gehütetes Geheimnis. Auch zu seinen Lebzeiten durften sich Gäste nie oben aufhalten. Tochter Lisa Marie Presley hat als Einzige Zugang zum Heiligtum ihres Vaters. Hier soll alles so belassen worden sein, wie es war. Ob das letzte Geheimnis von Elvis je gelüftet wird?

Das gelb dekorierte Fernsehzimmer im Untergeschoss.

 | Bild: Stefan Künzli

Eindrücklich ist auch das Museum mit seinen Goldenen Schallplatten sowie vor allem der Wagenpark mit über 20 Autos und motorisierten Fahrzeugen: Rolls-Royce- und Mercedes-BenzLimousinen, ein 1975er Dino Ferrari, ein 1956er Cadillac Eldorado Cabrio, ein John-Deere-Traktor, der berühmte Stutz Blackhawk sowie natürlich der ikonische Pink Cadillac.

Wer einen VIP-Zuschlag bezahlt, kann auch in die beiden individuell ausgestatteten Elvis-Flugzeuge im Vorgarten steigen. In den kleinen Lockheed Jetstar «Hound Dog II» sowie die extravagantere «Lisa Marie». Sie enthält zwei Wohnzimmer, einen Konferenzraum, ein zweites Wohnzimmer, vergoldete Sicherheitsgurten, Velourslederstühle, lederbezogene Tische und ein mit 24-Karat-Gold besetztes Waschbecken.

Über das Racquetball-Gebäude und den Meditationsgarten gelangt man schliesslich zum Privatgrab von Elvis Presley, wo die Tour endet. An einem Springbrunnen gelegen, erinnert ein Liegestein an Elvis Aaron Presley. Links daneben seine Grossmutter Minnie Mae, rechts sein Vater Vernon und seine Mutter Gladys.

Mit einer Mischung aus Faszination und Grauen verlässt der Besucher die Pilgerstätte Graceland, die längst zu einer hoch kommerziellen Elvis-Fabrik mit Restaurants und Gift-Shops verkommen ist. Die Tour durch Graceland ist aber auch aufschlussreich. Wie kein Zweiter hat Elvis in den 50er-Jahren den gesellschaftlichen Wandel verkörpert. Er führte zusammen, was vorher fein säuberlich getrennt wurde: schwarzer Gospel und Rhythm and Blues und weisser Country. Er hat den Puls einer rebellischen Jugend gespürt, die sich eingeengt fühlt und sich von Konventionen des konservativen Amerika befreien wollte. In einer Zeit der geistigen Erstarrung, der Prüderie und Lustfeindlichkeit erschütterte Elvis das gesellschaftliche Leben in den USA und war der Ur-Knall einer globalen Pop-Kultur. Rock ’n’Roll war mehr als eine neue Kunstform. Er war ein Lebensgefühl.

Elvis Grab

Pilgerort für Fans: Das Grab von Elvis im Garten.
 | Bild: Keystone

Elvis war der erste Superstar der Pop- und Rockkultur. Aber auch das erste Versuchskaninchen, das erste Opfer der Pop-Industrie. In Graceland riegelte er sich hermetisch von der Aussenwelt ab. Es war ein goldener Käfig. Die Tour macht deutlich, wie weit sich Elvis, der ehemalige Lastwagenfahrer, von seiner Basis und dem Puls der Zeit entfernt hat. Schon Ende der 60er-Jahre. Mit der Hippie-Kultur konnte Elvis gar nichts anfangen und warnte Präsident Richard Nixon in einem Brief vor Drogen, freier Liebe und Feminismus. Vor den Auswüchsen jener Gegenkultur, die er einst anführte. Er soll sich sogar als FBI-Agent beworben haben.

Das erste grosse Popidol ist Opfer seines Ruhms geworden. Es hat ihn zu einem anderen Menschen gemacht. Elvis hat sich aber nicht nur von seinen Fans entfernt, sondern zuletzt auch von der Realität und vom Leben. Zurück bleibt Mitleid.

Kultur | Musik

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