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Die menschliche Groove-Maschine aus dem Aargau

Der Meister der Vielseitigkeit

haenni

Schlagzeuger Mario Hänni (31) hinter den Kulissen des Luzerner Theaters PIUS AMREIN/LUZERNER ZEITUNG

Mario Hänni gehört zu den gefragten Schlagzeugern der Schweiz.

28.01.2017 12:25, Pirmin Bossart/AZ, 0 Kommentare

Beim Namen Mario Hänni nicken viele, die sich in der aktuellen Pop- und Jazzszene auskennen. Ja, ein cooler Musiker, unglaublich, was er alles macht und kann. Hänni setzt nicht nur sein Schlagzeug kongenial und stilistisch breit als Groove- und Sound-Maschine ein. Er spielt auch Gitarre und Bass, macht und singt seine eigenen Popsongs. Jetzt sitzt er da, die blonden Haare zum Wuschelknopf hochgebunden, und erzählt, wie alles begann. Zurzeit probt er im Luzerner Theater mit dem Trio Jon Hood (Joan Seiler, Martin Schenker), das in der Inszenierung von «Romeo und Julia» (Regie Nina Mattenklotz) spielt. Gewohnt an wechselnde Bands und Sessions, ist das ein neues Arbeiten für ihn. «Das Theater ist ein Apparat mit andern Abläufen und Schwerpunkten, wie man etwas realisiert.» Hänni ist beeindruckt von der Disziplin, Kreativität und der Arbeitshaltung der Theaterleute. «Ich lerne viel.»

Experimentieren im Paradies
Musikalisch kam die Anfrage des Luzerner Theaters zur richtigen Zeit. Das Trio Jon Hood ist gerade daran, Songs für ein erstes Album vorzubereiten. «Mit der Mitarbeit am Theaterstück können wir intensiv als Band zusammenarbeiten und wachsen. Das ist eine mega Chance.» Die Inputs des Umfeld zwingen sie oft, Gewohnheiten zurückzulassen. Das passiere auch mit dem englischen Berner Musiker Merz, der ihr Album produziere, grinst Hänni. «Er schält unsere Identitäten weg und pusht uns, die Musik nicht einfach herkömmlich aus dem Ärmel zu schütteln.»

Hänni ist offen für Prozesse, die infrage stellen und weiterbringen. Zwar hat er 2013 seine Jazz-Masterausbildung an der Hochschule Luzern abgeschlossen, aber er ist kein «Jazzer». Selbst mit dem Trio Heinz Herbert, das am letzten Jazz Festival Willisau für einen Höhepunkt sorgte, umschwirrt er die reine Jazzlehre auf hundert Abwegen und packt dennoch zu mit der Energie, die dem Jazz eigen ist. Mit Pablo Nouvelle mixt er mit an Soul, Pop und Tanzmusik, und mit Hanreti sorgt er für den Kitt in Popsongs, die das Prädikat herausragend verdienen.

Und da ist noch quasi ein Jugendbandprojekt, Mnevis aus dem Aargau. Die Band, die nach zehn Jahren ihr erstes Album plant, entstand in der Szene von Reinach AG, wo der im benachbarten Beinwil aufgewachsene Hänni regelmässig verkehrte. «Es gab dort einen Proberaum mit allem, was es zum Musikmachen brauchte. Es war ein Paradies für mich.» Dort nahm er Songs auf und experimentierte mit Spielweisen quer durch die Stile. Auch später, als er an der Jazzschule anders gefordert war, blieb der Unterschlupf wichtig. «Es war meine versteckte Welt, wo ich mir meine Unbeschwertheit erhalten und die Kreativität und den Entdeckergeist herauslassen konnte.» Schon als Kind war Hänni von Musik umgeben. Seine Eltern spielten selber in einer Band. «Wir hatten ein Musikzimmer, wo viele Instrumente herumstanden. Es war völlig normal, sie zu gebrauchen und mit ihnen herumzuspielen.» Er realisiere heute, dass dies ein «riesiges Glück war». Er kannte nie Berührungsängste, Klang zu machen und auszuprobieren. Acht Jahre lang hat der ehemalige Steiner-Schüler auch noch Violine gespielt.

Sound-Bewusstsein
Hänni sucht die magischen Momente, in denen eine Band abhebt. Mit dem Schlagzeuger-Dozenten Hanspeter Pfammatter lernte er die Leichtfüssigkeit der Wucht kennen. Bei Gerry Hemingway entwickelte er sein Bewusstsein für die Welt des Sounds weiter. «Aber ich lerne auch von meinen Musikerkollegen. Oft sind es kleine Sachen, die unerwartet passieren und mich inspirieren. Davon lasse ich mich lieber überraschen als von einem grossen Crack, bei dem ich eh ungefähr weiss, wie er spielt.» Aufgewachsen mit TripHop und Radiohead und auch inspiriert von zeitgenössischem R’n’B wie D’Angelo oder Frank Ocean, war Hänni stets mit Elektronik konfrontiert. «Auch eiskalte Technogrooves haben eine Qualität, die ein Schlagzeuger so nicht herstellen kann.» Er versuche, diese Klangwelt mit seiner instrumentalen Herangehensweise zu mischen. So kann er im Trio Heinz Herbert mit dem unscheinbaren Piezo-Tonabnehmer den Klang unerwartet hochfahren, ver- ändern und auch «extrem leise Schlagzeug-Sounds spielen, die man an einem Gig sonst nicht hören würde».

Weggefährten und Perspektiven
Zu Hännis Schlagzeug-Weggefährten gehören Leute wie Julian Sartorius, Domi Chansorn, Vincent Glanzmann oder Emanuel Künzi, alles klingende Namen der Schweizer Szene. Freundschaften sind wichtig, Gemeinschaft erzeugt Musik. Wohl fühlt sich der Aargauer, der in Zürich in einer WG lebt, im Luzerner Studio vom Dach mit dem Hanreti-Clan oder im Kollektiv um das Luzerner Label Red Brick Chapel, auf dem gerade das aktuelle Trio-Heinz-Herbert-Album «Phiii» veröffentlicht wurde. Demnächst erscheint auf Intakt Records auch «The Willisau Concert», ein Live-Mitschnitt von Radio SRF 2.

Wen wundert es, dass der Musiker in den letzten Jahren ständig auf Achse war. Er hat fast nie Nein gesagt, weil ihn vieles interessierte und es als Herausforderung begriff. Jetzt ist er an einem Punkt, wo er dezidierter spürt, was drinliegt und was nicht. «Es gab Zeiten, da fühlte ich mich eher als eine Marionette meiner Agenda oder anderer Leute, die etwas von mir wollten.» Sein gewonnenes Selbstvertrauen und die gewachsene Kompetenz helfen ihm inzwischen, besser Entscheidungen zu treffen. Und, meint Hänni, «es fühlt sich erst noch gut an». Irgendwann haut er dann vielleicht doch noch ein paar Monate ab nach Montreal, seiner Wunschdestination. «Ich habe keine konkreten Gründe, warum gerade Montreal. Es ist mehr eine romantische Fantasie.» Auch Phantasien haben Klänge. Die eines Tages hörbar werden.

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