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Depeche Mode mit neuem Album zurück

«Wir wollen die Leute zum Denken bewegen»

Depeche Mode

 | Bild: Francesco Prandoni, Facebook

Depeche Mode sind zurück: Dave Gahan und Martin Gore über ihr neues Album, Drogenexzesse und die Demokratie.

04.03.2017 13:39, Steffen Rüth/AZ, 0 Kommentare

Mir scheint, Depeche Mode hat noch nie so pessimistisch geklungen wie auf «Spirit». Sehen Sie das auch so?
Martin Gore: Das Wort «pessimistisch» kann ich nicht gut leiden. Ich mag den Begriff «realistisch» lieber. Wir sprechen die Dinge so an, wie sie heute sind. Falls das deprimierend rüberkommt, dann tut es mir leid (lacht).

«Eternal» handelt von Ihrer kleinen Tochter Johnnie Lee, die vor einem Jahr zur Welt kam. Eine Zeile lautet: Wenn der radioaktive Regen fällt, werde ich dir in die Augen schauen und dich küssen. Ist ja schrecklich.
Gore: Wenn du in der heutigen Zeit ein Kind in die Welt setzt, dann musst du mit dem Schlimmsten rechnen. Es gibt diese Gefahr von allem, Atomkrieg inklusive. Wir haben seit einigen Monaten einen verrückten Mann im grössten und wichtigsten Amt der Welt. Wer weiss schon, was da weiter passieren wird.

Dave Gahan, Ihre Tochter Stella Rose wird 18. Sind Sie besorgt, in was für einer Welt sie einmal leben wird?
Dave Gahan: Absolut. Die Frage stelle ich mir – auch in Bezug auf meine zwei erwachsenen Söhne. Du willst, dass sie geborgen und in Freiheit aufwachsen. Dass sie sich entscheiden können, wie sie leben wollen. Die Angst, die von Politikern wie Trump verbreitet wird, ist irreal. Niemandem ist gedient, wenn auf Minderheiten herumgehackt wird. Überall auf der Welt wollen die Menschen in Frieden, Sicherheit und Freiheit leben. Die Welt lässt sich nicht einteilen in Gute und Böse.

Ist die Grundstimmung auf «Spirit» ein Ausdruck von Sorge, Angst, Wut und Frust angesichts der Entwicklungen auf der Welt?
Gahan: Ja, alles das trifft zu. Vor allem verspüre ich Frust und auch Verunsicherung. Wo soll es hingehen? Wem sollen wir glauben? Wem folgen? Man kann schon sehr sarkastisch werden. Es ist kaum möglich, nicht betroffen zu sein.

«Going Backwards», «Where’s The Revolution» und «The Worst Crime» sind drei Songs mit explizit politischem Inhalt. Was hat Sie dazu bewogen?
Gore: Das Album war schon fertig, als Trump an die Macht kam, und schon geschrieben, als die Briten für den Brexit stimmten. Ich denke, die Menschheit ist sehr weit weggekommen von ihrem Pfad. Wir haben einiges von unserem menschlichen Geist verloren, wir haben einige wirklich schlechte Entscheidungen getroffen in den vergangenen Jahren, die ich nur schwer verkraften kann.

Andy Fletcher lebt in London, Dave Gahan in Manhattan, Martin Gore in Santa Barbara. Es ist wohl kein Zufall, dass …
Gahan: … wir uns alle drei in liberalen Enklaven niedergelassen haben? Sicher nicht. Dort leben wir sehr gern und sehr gut. Wir sind gesegnet, haben Möglichkeiten im Überfluss, aber das heisst nicht, dass wir uns nicht für das interessieren, was um uns herum passiert.

Diese Themen haben sehr bewusst auch ihren Weg auf das neue Album gefunden. Was hat Sie besonders bewegt?
Gore: Für uns war der Krieg in Syrien ein grosses Thema. Andy, Dave und ich sind erschüttert, dass die Welt sich einfach zurücklehnt und dieses Abschlachten aus sicherer Entfernung beobachtet. Wir hatten in den 90ern eine ähnliche Situation in Bosnien. Aber da gab es wenigstens Versuche der internationalen Gemeinschaft, Frieden zu schaffen. In Syrien ist der Westen dagegen untätig. Irritiert hat uns auch die «Black Lives Matter»-Kampagne. Wie kann es sein, dass schwarze Menschen in den USA reihenweise von der Polizei erschossen werden? Manchmal sieht es für mich so aus, als hätte es in diesem Land nie eine Bürgerrechtsbewegung gegeben.

Wo ist sie denn, die Revolution? Warten Sie auf einen Aufstand?
Gore: So einen polarisierenden Machthaber wie Trump habe ich in einer Demokratie noch nicht erlebt. Er macht eine Politik, die vernünftige Leuten schlicht für Wahnsinn halten müssen. Und über den Brexit hätte man niemals eine solche Volksabstimmung mit einfacher Mehrheit machen dürfen. Das war ein gigantischer Fehler. Am Ende ging es ja fast 50:50 aus. Die meisten Leute wussten ohnehin nicht, was sie da zu entscheiden hatten. Ich bin kein Befürworter von Waffengewalt und Blutvergiessen, aber mit so einer Figur an der Spitze und in der Mitte komplett gespaltenen Ländern kann es sehr gefährlich werden.

Ist «The Worst Crime» ein Ausblick auf ein solches Szenario?
Gore: Nicht direkt. Der Song, wie eigentlich das komplette Album, ist eher ein Aufruf, sich zusammenzuraufen und auf den Weg der Vernunft zurückzukehren. «Spirit» soll nicht zu depressiv wirken, sie soll kämpferisch sein.

Es scheint, als ob der Respekt, den die Menschen Depeche Mode entgegenbringen, von Album zu Album zunimmt. Ganz früher galten Sie als Teenieband, inzwischen sind Sie Ikonen. Liegt das am Alter?
Gahan: Auch, aber nicht nur. Nach all den Jahren ist es für uns wichtig, ein Album zu machen, das mit unserem früheren Werk standhalten kann. Nach 35 Jahren die eigenen kreativen Grenzen zu verschieben, ist nicht einfach und manchmal unbequem. Aber das ist eine lohnende Tortur. Eine Alternative sehe ich für uns nicht.

Wie fühlen Sie sich selbst mit «Spirit»?
Gahan: Sehr, sehr gut. Es war eine richtig, die Räder neu in Bewegung zu setzen und mit James Ford jemanden zu verpflichten, der mit einem frischen Paar Ohren an Depeche Mode heranging. James ist nicht nur ein hervorragender Produzent, er hat auch Martin und mich noch einmal enger zusammengebracht. Ausserdem spielt er fantastisch Schlagzeug und Gitarre und versteht von Synthesizern so viel wie kaum ein Mensch sonst. Er war eine hervorragende Ergänzung.

Wie meinen Sie das, wenn Sie sagen, er habe Martin und Sie noch enger zusammengebracht? Geht das denn?
Gahan: Ja, natürlich. Er hat uns zusammengeschweisst, den Teamgeist stark gefördert. Martin wird immer der Mittelpunkt sein, wenn es um das Songwriting geht. Mir ist es vor Jahren gelungen, auch einen Fuss in diese Tür zu bekommen, und James Ford gelang es, das Beste aus uns herauszukitzeln.

Wie wichtig war James Ford?
Gore: Bei Depeche Mode gibt es ja immer den Balance-Akt zwischen den familiären Elementen wie dem üppigen Einsatz von modularen Synthesizern, dem typischen, extrem wiedererkennbaren Sound und Daves Stimme. Wir haben die letzten drei Alben mit Ben Hillier aufgenommen, wir sind auch immer noch Freunde, aber wir wollten etwas anderes machen, und James bringt dieses frische Element rein.

Wie liefen die Aufnahmen mit ihm?
Gore: Sehr schnell und leichtfüssig. Wir dachten anfangs, er würde sich schon noch unserem eher gemächlichen Tempo im Studio anpassen, aber nichts da. Wir hatten im September noch ein Studio in New York gebucht, das konnten wir wieder stornieren, weil im August alles schon im Kasten war, sechs Wochen vor der geplanten Fertigstellung. Das gab es bei uns noch nie. Aber James Ford ist nicht nur sehr effizient, er ist auch ein Soundgenie.

Doch wer «Spirit» gehört hat, der macht sich danach noch mehr Sorgen um die Welt als vorher.
Gore: Ja. Das soll er auch! Denn die Sorgen sind berechtigt. Wir wollen die Leute zum Denken bewegen.

Herr Gahan, nach Drogenexzessen, Herzstillstand und Blasenkrebs leben Sie heute gesund. Wie schwer fällt es Ihnen, solch abgründige Songtexte zu schreiben?
Gahan: In Musik und Texten offenbare ich Aspekte von mir, die ich so im wahren Leben nicht formulieren kann und möchte. In meinen Songs kommt der Teil meiner Persönlichkeit zum Ausdruck, der ansonsten verschlossen und versteckt bleibt.

Warum?
Gahan: Ich kann es nicht genau sagen. Ich weiss nur: Manchmal muss ich Dark Dave rauslassen. Sonst würde er mich auffressen. Glücklicherweise kann ich heute reinschlüpfen und rausschlüpfen aus diesem Charakter. Ich bin nicht mehr auf der dunklen Seite gefangen so wie früher.

Hell wird es selbst am Schluss des Albums nicht. Im letzten Song, «Fail», singen Sie «Oh, we are fucked».
Gahan: Für mich ist das schlüssig. Wir sind am Ende und machen trotzdem weiter.

Können Sie sich vorstellen, in 13, 14 Jahren mit Depeche Mode das 50-Jahr-Bandjubiläum zu feiern?
Gore: Warum eigentlich nicht?
Gahan: Ich wüsste gar nicht, was ich mit mir anfangen sollte, wenn ich die Musik nicht mehr hätte. Ich kann mir allerdings vorstellen, später nicht mehr so lange auf Tournee zu sein. Ich liebe das, aber es wird immer schwerer, je älter ich werde. Davon abgesehen, sehe ich gerade auch nichts, das uns stoppen könnte.

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