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Interview mit Damian Lynn

«Dazwischen wird man wohl erwachsen»

Damian Lynn  | Bild: Diana Kottmann

Damian Lynn setzt mit seinem zweiten Album zu einem grossen Karrieresprung an. Der Krienser im Gespräch über seine Ambitionen, falsche Sicherheiten – und die Vorteile, eine Bühne ganz alleine zu bestreiten

07.04.2017 09:37, Michael Graber/AZ, 0 Kommentare

Wer Radio hört, ist in den letzten Tagen sicherlich über «When We Do It» gestolpert. Der Song von Damian Lynn lief in den letzten dreissig Tagen auf allen Schweizer Radiostationen insgesamt über 1300 Mal. Zusammengerechnet ist das die Zeitdauer von zwei kompletten Tagen. Damit ist «When We Do It» derzeit eines der meistgespielten Lieder überhaupt und mit Abstand der meistgespielte Song eines Schweizer Künstlers. Dementsprechend gut gelaunt sitzt uns der 25-Jährige an einem sonnigen Tag in einem Restaurant an der Reuss gegenüber und trinkt einen Ingwer-Tee.

Damian Lynn, Ihr Song läuft rauf und runter am Radio, und Ihre Konzerte sind zunehmend gefüllt. Es geht stetig bergauf. Wie überrascht sind Sie selber?

Damian Lynn: Vom Erfolg selber bin ich natürlich schon überrascht. Aber vielleicht nicht so stark wie andere. Es ist nicht so, dass ich aus dem Nichts komme. Ich habe mich in den letzten Jahren konstant entwickelt und mir das auch aufgebaut. Ich war auf Tour mit Büne Huber, Stefanie Heinzmann und Laith Al-Deen, habe viele Konzerte an allen möglichen Orten gespielt und auch mit der letzten CD schon einen Achtungserfolg gehabt. Was aber schlussendlich mit einem Song oder einem Album passiert, kann man nie kontrollieren. Dazu gehört auch eine Portion Glück.

Aber ehrgeizig sind Sie?

Ja, da stehe ich auch ganz offen dazu. Ich will von meiner Musik leben können und diese Chance nutzen, die sich mir im Moment gerade bietet.

Hilft es da, dass Sie eine Rückfallposition haben? Sie haben ja einen Bachelor als Sekundarlehrer.

Ich müsste ja zuerst noch den Master machen. Diese Sicherheit hilft mir also nicht viel. Sowieso: Ich glaube, das ist ein typisches Schweizer Denkmuster – dieses Streben nach Sicherheit. Alles muss ein Sicherheitsnetz haben. Ich denke, dass das auch vielfach den Mut behindert. Erst wenn das Haus gebaut ist, die Kinder aus der Schule sind und das Auto abbezahlt ist, kann man etwas wagen. Das ist doch schade. Man muss etwas probieren. Sonst ist es nachher zu spät, und man bedauert, dass man es nicht gemacht hat.

Und jetzt leben Sie komplett von der Musik? Laut dem Wirtschaftsmagazin «Bilanz» gibt es gerade einmal zwölf Popmusiker in der Schweiz, die das können.

(Lacht) Das habe ich auch gelesen, da gehöre ich ja zu einem erlesenen Zirkel. Seit zwei Jahren finanziere ich mein Leben komplett durch die Musik. Am Anfang habe ich noch Gitarrenstunden gegeben, das aber vor allem, um das ganze pädagogische Know-how nicht komplett zu verlieren. Zwei Schüler habe ich immer noch. Das macht mir Spass.

Was macht Damian Lynn besser als andere Musiker, die es nicht schaffen, von ihrem Traum zu leben?

Ich habe sicherlich den Vorteil, dass ich auch allein auf die Bühne kann. Dann braucht es nicht viele Telefonate mit einer ganzen Band, sondern ich kann einfach mit dem Auto hin und ein Konzert spielen. Kommt hinzu, dass man Gagen nicht durch fünf teilen muss, was es auch etwas einfacher macht.

Lebt man gut als Musiker?

Seit einiger Zeit wohne ich jetzt in einer eigenen Wohnung, und da war ich am Anfang schon etwas nervös. Reicht es? Kann ich alles bezahlen? Dann habe ich schnell gemerkt: Es geht ganz gut. Ich verzichte auch nicht grossartig auf Dinge. Natürlich lebt man bewusst. Aber das finde ich sowieso etwas Gutes.

Von der Musik leben heisst auch, den ganzen Tag nichts anderes zu machen als eben Musik. Wie muss man sich das vorstellen?

Das fragen mich meine Freunde auch immer wieder (lacht). Ganz grundsätzlich ist mir nie langweilig. Ich mache recht viel selber. Zwar habe ich ein Management und ein Label, aber vieles läuft am Schluss doch bei mir zusammen. Ein kleines Beispiel: Alles, was auf meinen Social-Media-Kanälen läuft, poste ich selber. Das klingt jetzt vielleicht nicht nach viel Arbeit, aber auch da muss man konstant dranbleiben und gut überlegen, was man postet und was eben nicht. Dazu kommen Auftritte, Verhandlungen, Interviewanfragen, und natürlich schreibe ich auch immer mal wieder Songs. Meistens sind meine Tage ganz gut gefüllt, und ich habe eher zu wenig als zu viel Zeit.

Bei unserem letzten Treffen haben Sie Fragen nach dem Privaten lieber umgangen. Jetzt habe ich den Eindruck, dass Sie da offener geworden sind.

Ja. Damals habe ich noch viel mehr überlegt, was ich wem sage und was eben nicht. Mittlerweile ist es so: Ich gehe jetzt nicht unbedingt aktiv in ein Gespräch und binde allen die Tatsache unter die Nase, dass ich eine Freundin habe, aber wenn jemand danach fragt, gebe ich Antwort. Ich bin mittlerweile ja auch 25 Jahre alt, und logisch habe ich da auch ein Privatleben.

Gibt es eine Grenze?

Auf eine Homestory hätte ich jetzt nicht sonderlich Bock. Ich muss niemandem zeigen, wo ich mich wasche und wo ich mit meiner Freundin am Sonntag frühstücke. Ich finde, das Preisgegebene sollte immer irgendwie einen Bezug zur Musik haben. Schliesslich bin ich ja wegen meiner Musik bekannt.

Damian Lynn funktioniert doch als Gesamtpaket: der gut aussehende junge Mann, der gute Musik macht. Das eine befeuert das andere.

Das sagen Sie. Ich habe Freude, wenn sich jemand mit meiner Musik beschäftigt. Wenn diese Person dann findet, der sieht auch noch gut aus, dann ist das eine Zugabe. Ich wehre mich sicherlich nicht sonderlich dagegen, aber ich lege jetzt auch meine Shows überhaupt nicht darauf aus, dass in den ersten beiden Reihen ausschliesslich Mädchen stehen, die pausenlos kreischen. Auf dem Streamingdienst Spotify kann man übrigens genau schauen, wer meine Musik hört. Und es sind sehr viele Männer darunter. Ich denke kaum, dass die alle nur wegen meines Äusseren da reinhören (lacht).

Gerade sind viele Mundart-Acts in der Schweiz sehr erfolgreich. Warum singen Sie auf Englisch?

Es hat für mich einfach mehr gepasst. Zudem muss man auch an seine Ansprüche denken. Die Schweiz ist ein wunderschönes Land, aber kein grosses. Da hat man bald überall gespielt. Wenn man in Mundart singt, macht man die Landesgrenzen komplett unüberwindbar. Ich will gerne auch in Deutschland spielen. Da leben achtzig Millionen Menschen. Wenn ich in Dialekt singe, verspiele ich mir automatisch die Chance, da zu spielen.

Jetzt könnten Sie sich ja auch zufrieden zeigen, dass die Clubs hier langsam ausverkauft sind und Sie in der Schweiz überall spielen können. In Deutschland dagegen wird es dann wieder wie zu Beginn der Karriere: halbleere Säle und keiner singt mit.

Könnte man sich denken. Da ich aber bereits Bühnenerfahrung in Deutschland sammeln konnte, laufen die Vorverkäufe überraschend gut; einzelne Shows sind sogar schon ausverkauft. Natürlich: Das sind keine Hallen für 1000 Personen, aber das wäre dann doch etwas zu viel für den Anfang. Es geht darum, auf mich aufmerksam zu machen. Dann kommen beim nächsten Mal schon wieder ein paar Menschen mehr. Ich werde kaum viel Geld verdienen auf dieser Tour, das heisst aber nicht, dass ich deswegen lieber daheimbliebe.

Sie sind mehr oder weniger allein auf der Bühne – manchmal hilft ein Schlagzeuger. Braucht das nicht unheimlich Mut, so vor das Publikum zu treten?

Ich glaube, dass es eher von den Veranstaltern Mut braucht. Die denken alle: Da kommt einer allein, der spielt auf der kleinen Bühne. Wenn sie mich dann hören, merken sie, dass ich auch auf grossen Bühnen ganz gut funktioniere. Allein Musik zu machen, vereinfacht den ganzen kreativen Prozess für mich. Ich muss nicht stundenlang im Proberaum diskutieren und es allen recht machen. Auf der Bühne will ich so oder so eine gute Show abliefern, egal ob mit der Band wie früher oder wie jetzt allein oder mit einem Drummer. Nervös ist man sowieso.

Ihre Freundin ist die ehemalige Profi- Snowboarderin und Olympiateilnehmerin Nadja Purtschert. Profi-Snowboarderin klingt recht wild. Bei Damian Lynn dagegen kann ich mir nicht so recht etwas Wildes vorstellen.

(Lacht) Wirklich?

Ja. Sie machen nicht den Eindruck, als würden Sie Hotelzimmer zertrümmern, wochenlang durchfeiern und dabei kräftig über die Stränge schlagen.

Wenn das für Sie wild ist ... Ich bin sicher nicht der ausgeflippteste Zeitgenosse, der keine Party auslassen kann, aber der Spass kommt in meinem Leben sicher nicht zu kurz. Übrigens: Auch bei all den Musikern, die ich kennengelernt habe, habe ich nie einen getroffen, der Hotelzimmer kaputtschlägt. Meistens ist man nach den Shows vor allem müde — trinkt noch zwei, drei Biere und geht dann schlafen. Das klingt unspektakulär, ist aber halt die Realität.

Kultur | Musik

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