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«Schlitteln» ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck dafür...

«Du wirst Schmerzen haben»

Cresta Run

 | Bild: DOKUMENTATIONSBIBLIOTHEK ST. MORITZ

Wer sich durch den Cresta Run wagt, ist entweder lebensmüde oder Brite.

17.02.2017 08:46, Simon Häring/AZ, 0 Kommentare

«Wer ist nicht nervös?», fragt Nigel in geschliffenem Oxford-Englisch. Zwei der dreizehn Anfänger heben die Hand, ich gehöre nicht dazu. «Du bist Neuseeländer, du bist sowieso ein Idiot», sagt der ältere Herr. «Und du, du hast wohl noch nichts über den Cresta Run gelesen. Du wirst Schmerzen haben, versprochen. Ich mache das seit 49 Jahren und ich bin immer nervös. Wir machen einen gefährlichen Sport.»

An der Brücke über dem Startschuss hängt ein Banner mit einem schwarzen Totenkopf. «Pretty Woman» schmettert aus den Lautsprechern. «I can’t watch this», sagt Nigel, als der erste Anfänger über die Startgerade trudelt. Mein Atem geht schnell, meine Finger sind steif, die Lippen trocken. Zwanzig Zentimeter unter meinem Kinn blankes Eis. Bäuchlings liege ich auf einem eisernen Schlitten, Toboggan genannt, 45 Kilogramm schwer. Das Thermometer zeigt 8 Grad unter null an, trotzdem perlt der Schweiss von meiner Stirn – es ist Angstschweiss. «Was habe ich mir dabei nur gedacht?», schiesst es mir durch den Kopf. Immer wieder. Vom Tower ertönt die Glocke. Jetzt hat sie also geschlagen, meine letzte Stunde. Nur der Fuss eines Helfers, der den Schlitten arretiert, trennt mich davor, mit bis zu 140 Kilometern in der Stunde Richtung Celerina zu rasen. Bilder der schrecklichen Unfälle, die hier immer wieder passieren, schiessen mir durch den Kopf. Rund zwanzig Knochen brechen hier jedes Jahr. In seiner Einführung mit dem Namen «Death Talk» (Todesrede) zeigt der Sekretär des «St. Moritz Tobogganing Club», Gary A. Lowe, Röntgenbilder von gebrochenen Füssen, Schultern und mit Stahlplatten fixierten Halswirbeln. Es ist eine Galerie des Grauens.

Alles hier ist very british, zwei Drittel der Klubmitglieder sind aus dem Königreich, gesprochen wird Englisch. Rekordsieger ist Lord Clifton Hugh Lancelot de Verdon Wrottesley, ein Ire, der 2002 bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City im Skeleton Vierter geworden war. 13-mal hat er das «Grand National» schon gewonnen, davon zuletzt acht Mal in Folge. Wie viele im Klub ist das Mitglied des britischen Hochadels ein ehemaliger Militär. Verheiratet ist er mit Sascha Schwarzenbach, der Tochter des Schweizer Milliardärs Urs Schwarzenbach. Niedergelassen haben sich die Wrottesleys mit ihren vier Kindern in St. Moritz. Selber handelt der 49-Jährige mit Wein und Immobilien, ist Direktor des britischen Bob- und Skeletonverbands und seit letztem September bietet er in Nordamerika Naturbestattungen an. Was für eine Ironie, dass die Tobogganing-Legende jetzt Totengräber ist, denke ich mir.

Brustkrebs durch Schlittenfahrt?
Während Prinz Pavlos von Griechenland seine Fahrt absolviert, lausche ich zuvor im Klubhaus den Geschichten, die sich distinguierte Herren erzählen. Sie handeln von Wagemutigen, die nach einem Abflug drei Zähne und etwas Blut ausspucken, aufstehen und die Fahrt fortsetzen. An den Wänden dokumentieren Bilder vergangene Tage. Insignien und Ranglisten huldigen den Helden des Eiskanals, allen voran Lord Wrottesley. Nichts erinnert an einen anderen britischen Soldaten, Colonel Bernie Bambury. Eben erst aus dem Irak zurückgekehrt, knallt er vor neun Jahren gegen einen Holzpfosten, sein rechter Fuss wird dabei abgerissen.

Und hier will ich runterfahren? Ich, der als Dreikäsehoch beim Bobfahren nach der Bremse gefragt hat, bevor er den Anfängerhang runterbremste? Doch statt zu kneifen, mir den Helm vom Kopf zu reissen und zu kapitulieren, wie einst der dreifache Formel-1- Weltmeister Jackie Stewart, kontrolliere ich die Ellbogen-Schoner und die eisernen Schalen zum Schutz der Handrücken. Noch einmal ramme ich die Spikes in das blanke Eis. Der Ritt durch den Höllenschlund aus Schnee und Eis ist die ultimative Mutprobe und abgesehen von einem Frauentag pro Jahr seit 1929 eine mit dem Prädikat «Men Only». Angeblich, weil die Schlittenfahrt Brustkrebs verursache. Viel plausibler erklärt es ein Schild, das einst in der Garderobe aufgehängt gewesen sein soll: «Cresta Run, wo Frauen keinen Ärger machen und die Geplagten Ruhe finden.» Ein Eiskanal als Trutzburg des Machismo. Kein Wunder, wähnte sich Playboy Gunter Sachs hier in einer Oase der Glückseligkeit. Er präsidierte einst auch den Shuttlecock-Club, bei dem ich mir Chancen auf eine Aufnahme ausrechne. Doch dazu später mehr.

Dann gibt es kein Zurück mehr. Noch in langsamer Fahrt nähere ich mich Rise, der ersten von zehn Kurven. Hier und heute, das ist meine Chance, meiner Laufbahn als Angsthase ein Ende zu setzen. 60 Sekunden durch die eisige Hölle, die Nasenspitze 20 Zentimeter über dem Eis. Ich wäre ein Held. Die Besten schiessen hier mit bis zu 140 Kilometern in der Stunde durch den Eiskanal. Panik. Zu schnell für mich. Mit voller Kraft ramme ich die Spikes in das Eis. Nichts passiert. Im Gegenteil. Der Schlitten schlingert, ich schlage mit der rechten Schulter gegen die Eiswand, dann mit der linken. Wie eine Kugel schiesse ich durch den Kanal.

Vor mir liegt der berüchtigte Shuttlecock-Corner, die «Federball-Kurve». Der Augenblick der Wahrheit. Die Stelle, wo aus Buben Männer werden, aus Angsthasen Helden. Wer hier abfliegt, und das ist immerhin jeder Zehnte, hat gute Chancen, sich Knochenbrüche zuzuziehen. Der letzte der vier CrestaRun-Toten wurde hier von seinem eigenen Schlitten erschlagen. Das war vor über 40 Jahren. Ein schwacher Trost. Ebenso wie die Tatsache, dass ein Sturz mich zum Mitglied im Shuttlecock-Club machen würde, Teilnahme am jährlichen Shuttlecock-Dinner und Krawatte inbegriffen. Mein Puls steigt, die Lungen brennen, der Kopf ist leer. Dann liegt die Kurve hinter mir. Kurze Euphorie. Es folgt eine lange Gerade, die Bledisloe Straight. Immer noch unkontrolliert und immer schneller schiesse ich durch Bulpetts und Skylla, dann Charybdis. Wieder schlage ich gegen das Eis. Ramme die Spikes ins Eis. Wieder passiert nichts. Höchstgeschwindigkeit, Ziellinie. Weil der Kanal ansteigt, bremst der Schlitten. Ein HormonCocktail benebelt meine Sinne.

Keine Krawatte, kein Neuseeländer
Meine Zeit: 67,72 Sekunden für zwei Drittel der Strecke, gefahren ab «Junction». Gehalten wird der Rekord auf der Originalstrecke ab «Top» seit 1999 in 49,92 Sekunden von Lord Wrottesley – of course. Er hat mit 133,37 Kilometern in der Stunde auch das schnellste je gemessene Tempo erreicht. Die spinnen, die Briten. Ich setze für die Strecke von St. Moritz nach Celerina auf das bewährt Konkurrenzprodukt, die Rhätische Bahn. Die braucht für die gleiche Strecke zwar drei Minuten. Aber auf Krawatten stehe ich sowieso nicht. Und Neuseeländer bin ich auch nicht.

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