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Eine weitere Rock-Legende hat uns freiwillig verlassen

Der Endzeitprophet ist verstummt

Cornell

 | Bild: www.abcnews.com

Rocksänger Chris Cornell (52) wurde nach einem Konzert in Detroit tot aufgefunden.

19.05.2017 09:32, Stefan Strittmatter/AZ/schwe, 0 Kommentare

Im Video zum grössten Hit seiner Band Soundgarden blickt Chris Cornell erwartungsvoll in den Himmel, wo sich eine dunkle Masse zusammenbraut. Ein bedrohliches Szenario, das von psychedelisch wabernden Gitarren und mächtig polternden Drums untermalt wird. Doch wohnt dieser «Black Hole Sun», die der Sänger so inbrünstig herbeibeschwört, nicht nur eine zerstörerische Kraft inne, sondern auch eine reinigende: Die aufgeblähte Sonne möge kommen und den Regen wegwaschen, heisst es im Refrain. Als «sinnfreie Wortspielereien» bezeichnete Cornell die von ihm verfassten Zeilen spä- ter in Interviews. Doch bietet die GrungeHymne, die 1994 auf dem Zenit der stilprä- genden Band entstand, weitaus mehr als Interpretationsfreiräume so tief wie Schwarze Löcher.

Ob bewusst oder nicht – auf seinem Solodebüt «Euphoria Morning» (1999) lieferte der Sänger aus Seattle, USA, einen Deutungsansatz, der einen Grossteil seiner kryptischen Verse verständlich macht. Der Song «Preaching the End of the World» thematisiert zwar erneut den Weltuntergang, doch entgegen dem Titel wird hier nichts gepredigt oder prophezeit, sondern ein frommer Wunsch geäussert: Er suche einen Freund für das Ende der Welt, heisst es in der abschliessenden Text-Zeile. Das sind weder Drohungen noch Warnrufe – es sind Hilfeschreie. Hier singt einer, der mit eigenen Augen in den Abgrund geblickt hat.

Lange Jahre alkoholsüchtig
Dass Cornell diese Tiefen auf dem Boden von Flaschen fand, weiss man, seit sich der Sänger kurz nach der Millenniumswende in einen Alkohol-Entzug hatte einliefern lassen. Bei Soundgarden sei es üblich gewesen, dass neben jeder Bierdose eine Whiskyflasche stand, erinnerte sich Cornell gegenüber dem britischen «Guardian». Die Sucht habe ihn «von den späten Teeniejahren bis Ende dreissig» fest im Griff gehabt. In jenen Jahren also, in denen er als Sänger und Songschreiber zur Höchstform auflief. So markdurchdringend wie auf den Soundgarden-Alben «Louder Than Love» (1989) und «Badmotorfinger» (1991) klang das vier Oktaven umfassende Organ von Cornell nie mehr. So gereift wie auf «Down on the Upside» (1997), dem letzten Album der Band vor ihrer 13-jährigen Pause, waren seine Lyrics und Melodiebögen selten.

Mit dem vorzeitigen Aus von Soundgarden begann für Cornell eine lange Phase der Selbstfindung. Der übereilte Zusammenschluss mit den drei Instrumentalisten der zeitgleich auseinandergefallenen Rage Against The Machine zum All-StarProjekt Audioslave reichte auf drei Alben nicht an die hochgesteckten Erwartungen heran. Die treibenden Riffs verlangten nach rhythmischen Vocals, wo Cornells Stärke doch eindeutig die kraftvolle Melodie und der zelebrierte Weltschmerz war. Das Ergebnis war deutlich kleiner als die Summe seiner Einzelteile.

Sein Bond-Song war enttäuschend
Ähnlich unausgegoren geriet das SoloAlbum «Carry On» (2007), das den mässigen James-Bond-Titelsong «You Know My Name» (zum Film «Casino Royale») und eine bestenfalls eigenwillige Cover-Version von Michael Jacksons «Billy Jean» enthielt. Doch nichts hatte Fans und Kritiker auf das Folgealbum «Scream» vorbereitet, das Cornell 2009 seinen grössten (vielleicht auch finalen) Karriereknick bescherte.

Unter der Aufsicht von Elektro-Produzent Timbaland verrannte sich der Rocksänger in ein anbiederndes Dance-Projekt. Auf dem Coverbild sieht man den Musiker, wie er eine Gitarre zertrümmert – ein starkes Sinnbild, wenngleich kein verkaufs- oder glaubwürdigkeitsförderndes.

Ein letztes Comeback
2012 tat Cornell das einzig richtige und versöhnte sich mit seinen Kumpels von Soundgarden. Doch die Zeit war nicht stehen geblieben, und der Grunge, mit dem das Quartett neben Nirvana, Alice in Chains und Pearl Jam von Seattle aus die Welt erobert hatte, von einer mitreissenden Welle zu einem Fach in den hinteren Regalen der Plattenläden geworden.

Mehr als zehn Jahre soll Chris Cornell trocken gewesen sein. Den Abgrund schien er hinter sich gelassen zu haben. Bei seinen letzten Gastspielen in der Schweiz wirkte er gefestigt, fast schon gesetzt: Das traf wörtlich auf sein Konzert an der Baloise Session 2013 zu, schlug er doch ganz sanfte Töne an, sang «Imagine» oder auch «One» von U2. Das bestärkte allerdings auch den Eindruck, dass Cornell als Künstler alles gesagt hatte.

Das Ende der Welt holte ihn nun allen Läuterungen zum Trotz ein: In der Nacht auf Donnerstag verstarb der Sänger 52-jährig in Detroit, wo er zuvor mit Soundgarden aufgetreten war. Laut einem Gerichtsmediziner hatte er sich in seinem Hotelzimmer erhängt, wie die US-Nachrichtenagentur Associated Press berichtet. Auf der Band-Website prangten bis gestern Abend unverändert Ankündigungen für Soundgarden-Shows bis Ende Monat – viele davon ausverkauft.

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