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Ein Versuch pro Tag muss reichen...

Amor im Digitalzeitalter

Amor

Once: Einmal im Tag schiesst Amor einen Pfeil. Wenn er nicht trifft, müssen die paarungswilligen Singles 24 Stunden warten bis zum nächsten Versuch. GETTY IMAGES

Jean Meyer will den Dating-Markt aufmischen. Seine App Once setzt auf Entschleunigung und Nachhaltigkeit. Slowdating kann man das nennen. Schweizer Männer sind davon besonders angetan

26.01.2017 10:48, Raffael Schuppisser/AZ, 0 Kommentare

Jean Meyer brauchte keine Dating-App. Seine grosse Liebe hat er als 15-Jähriger in der Schule getroffen. Heute ist er 34 Jahre alt, noch immer mit ihr zusammen. Doch das sei heutzutage natürlich eine Ausnahme, sagt Meyer. Dass man mit der Jugendliebe zusammenbleibt sowieso. Zunehmend aber auch, dass man sich offline kennen lernt. «An der Tramhaltestelle seine Traumfrau zu treffen, sie anzusprechen und sich in sie zu verlieben, das geht im Film, in der Realität aber kaum», ist Meyer überzeugt. Heute lernet man sich auf der Arbeit, über gemeinsame Freunde – oder über eine Dating-App kennen. Letzteres ist Meyer am liebsten. Zumindest dann, wenn die App Once heisst.

Zusammen mit zwei Freunden hat der Franzose vor zwei Jahren Once gegründet. Seinen Hauptsitz hat das Start-up in der Schweiz, der grösste Teil des Teams arbeitet aber in London. Die App soll eine neue Art von Online-Dating etablieren. Anstatt dass der Nutzer wie bei der Konkurrenz durch Hunderte Profile wischt, bekommt er pro Tag lediglich eine Person vorgestellt, die zu ihm passen soll. Gemächlich, aber nachhaltig soll die Partnersuche verlaufen. Slow-Dating könnte man das nennen. Das scheint Frauen besonders anzusprechen. Der Anteil an Nutzerinnen liegt bei 55 Prozent – normalerweise sind Frauen bei Dating-Apps stark in Unterzahl.

Kupplerin im Nebenjob
Das Hauptproblem bei den meisten Dating-Apps sei das Überangebot an potenziellen Partnern, findet Meyer. Insbesondere bei Tinder kann man sich tagelang ohne Ende durch Profile klicken – und vertieft man sich dann doch einmal in einen Chat, wartet schon der nächste Match, der was Besseres verspricht. Once will deshalb das Angebot aufs Wesentliche reduzieren. Die Auswahl wird dabei nicht bloss von einer Software getroffen, sondern von Menschen – von sogenannten Matchmakern. Sie agieren als Kuppler und entscheiden aufgrund der Angaben in den Profilen und aufgrund der Fotos, wer zu wem passen könnte. Meyer ist überzeugt, dass die Liebe zu komplex ist, um sie in einen Algorithmus pressen zu können.

Doch auch die Matchmaker scheitern natürlich oft an der Aufgabe, zwei zusammenzubringen. Denn was gibt den Ausschlag, dass man sich liebt? Meistens wissen die Liebenden das ja selber nicht genau. Und allzu oft verstehen Aussenstehende nicht, was zwei aneinander attraktiv finden. Bei Once verlassen sich die Kuppler auf Intuition und Erfahrung – und auf Daten. Denn die App merkt sich, welche vorgeschlagenen Singles jemand mag und welche er ablehnt. So lernen die Matchmaker die Nutzer besser kennen.

Über 200 Matchmaker hat Once in Europa eingestellt. Für die meisten ist das Kuppeln bloss ein Nebenjob. So wie andere mit ihrem Auto als Uber-Fahrer Passagiere chauffieren, verkuppeln sie Leute, um sich etwas dazuzuverdienen. Viele sind Studenten. So auch Solveig, die in Zürich Kulturwissenschaften und BWL studiert. «Ich liebe es, Menschen zusammenzubringen, die sich im Alltag nicht finden würden», sagt sie.

Doch so gut wie Amor treffen die Pfeile von Solveig und ihren Kolleginnen natürlich nicht. Slowdating kann zur Geduldsprobe werden, wenn man immer wieder unpassende Vorschläge geliefert bekommt. Schliesslich muss man ganze 24 Stunden warten, bis einem der nächste paarungswillige Single angezeigt wird. Wer es nicht so lange aushält, kann gegen Bezahlung nachhelfen. Für einen Franken erhält man sofort den nächsten Vorschlag. Meyer bestreitet nicht, dass die künstliche Verknappung des Angebots auch einen ökonomischen Vorteil für sein Unternehmen bietet.

Weniger als sieben Prozent der drei Millionen Nutzer würden auf Once auch Geld ausgeben. In der Schweiz, wo die App 200 000 Menschen nutzen, sei die Zahl der zahlenden Kunden allerdings höher – wie hoch genau will Meyer nicht sagen. Die Schweiz sei ohnehin ein Dating-Sonderfall: «Wir haben in keinem anderen Land so viele männliche Nutzer», sagt Meyer. Warum das so ist, kann er sich selber nicht recht erklären. Offenbar stehen Schweizer Männer auf Slowdating.

Männer wollen Beratung
Seit dieser Woche steht ihnen ausserdem ein neuer Service zur Verfügung. Für zehn Franken kann man mit einem Matchmaker chatten; ihm sagen, wie der Traumpartner aussehen soll, was man will und was auf keinen Fall. «Curated Dating» oder «betreutes Daten» kann man das nennen. Der Trend kommt aus dem Online-Shopping. Männer fühlen sich oft überfordert beim Einkaufen und wollen eine Beratung, haben findige Start-ups vor ein paar Jahren erkannt. Mittlerweile bietet auch der Riese Zalando einen solchen Service an – und zwar für Männer und Frauen.

Und warum soll, was beim Kleiderkaufen funktioniert, nicht auch beim Liebefinden klappen? Meyer zweifelt nicht daran, dass sein Unternehmen dadurch noch erfolgreicher sein wird. Der neue Service soll Tinder herausfordern. Mit der erfolgreichen Dating-App hat er ohnehin noch eine Rechnung offen. 2010 gründete Meyer in den USA die Website DateMySchool – und war damit ziemlich erfolgreich. Bis 2012 Tinder die Partnersuche vereinfachte und aufs Smartphone brachte und herkömmliche Dating-Sites überflüssig machte.

Nun schlägt Meyer zurück: mit Once, der Tinder-Alternative.

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