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Swiss Pop Art im Aargauer Kunsthaus

Als die Stones in die Schweizer Kunst rollten

Ausstellungsansicht Swiss Pop Art  | Bild: Aargauer Kunsthaus/René Rötheli

Bei Pop Art denkt man an die amerikanische Kunst. Doch auch in der Schweiz spross es in den Roaring Sixties bunt und poppig. Es war ein Protest der Jungen.

04.05.2017 10:18, Sabine Altdorfer/AZ, 0 Kommentare

Clever gemacht! Vor der Ausstellung stoppt einen eine Werbewand. Sinalco, Pepita, Bally...: Diese wolkig-blumigen, rund-bunten Werbungen gehörten zu meiner Kindheit in den unbeschwerten 60er-Jahren. Orange-gelb dominiert, wie bei meinem ersten Minirock aus einem dieser neuen, synthetischen Stoffe. Schon bin ich im Schwelge- und Nostalgie-Modus – jedenfalls mit meinem Jahrgang.

Doch selbst wer heute jung ist, wird diese Plakate cool finden, erleben die 60er- und 70er-Jahre in Mode, Einrichtung und Werbung doch gerade ein Revival. Den roten, gerundeten Kunststoffsessel von Susi und Ueli Berger von 1967 könnte man als angesagtes Stück gleich in Produktion schicken, und Modefreaks finden bei den Mänteln mit Applikationen, den Schlaghosen und mehrfarbigen Badehosen von Monika Raetz-Müller tolle Inspiration.

Doch halt, halt… Design und Plakate sind Nebengeleise. In dieser Ausstellung im Aargauer Kunsthaus geht es um Kunst. Um Swiss Pop Art. Aber diese meist bunte, oft fröhliche Kunst war untrennbar mit Konsum, der neuartigen Bilderflut und der fortschrittlichen Werbung verwandt. Anders sind Peter Stämpflis Malereien, die knallige Tomate, der stilisierter Schoggi-Pudding nicht erklärbar. Werbung und Plakatwände sind bei Emilienne Farny gar das Hauptmotiv ihrer Paris-Bilder. Solche Konsum-Ikonen geben zusammen mit einer weichgerundeten, gelb-grünen Riesenskulptur von Albert Siegenthaler im Hof einen stimmungsvollen Ausstellungs-Auftakt.

Wer hats erfunden?

Ein Lieblingsmotiv der damals jungen Maler waren Autos. Ob Edelkarossen (Marco Egger) oder knallfarbige Familienschlitten (Markus Müller), ob fette Reifen und ihre wandgrossen Spuren (Peter Stämpfli) oder kurvige Boliden in Kombination mit Frauenkörpern (Fernando Bordoni): Die Autos sind Objekte der Begierde und der Freude. Konsum hatte noch keinen schalen Nebengeschmack, Technik war gut, Fortschritt machte glücklich und Autobahnen galten als Super-Neuheit. Wirtschaftlich und gesellschaftlich schien es damals nur eine Richtung zu geben: aufwärts-vorwärts. Jedenfalls bis zum ersten Ölschock 1973.

Pop Art war keine Schweizer Erfindung. Schon in den 1950er-Jahren hatten amerikanische und britische Künstler wie Andy Warhol und Richard Hamilton die Konsumwelt zum Thema, die Sprache aus Werbung und Comic zum Stil und die Demokratisierung zum Ziel gemacht. Kunst von heute für alle Leute, könnte man kalauern.

Käse statt Suppe

Aus Paris und London kam die Pop Art etwas verspätet in die Schweiz, dafür mit viel Schwung durch die jüngste Künstlergeneration. Sie revoltierte damit gegen die etablierte Elite, gegen die dominante Abstraktion, die strenge Geometrie der Zürcher Konkreten.

Die Schweizer übernahmen nicht einfach, was die Briten und Amerikaner vorgaben, nicht Campbell’s-Suppe fand auf ihre Bilder, sondern Gerberkäsli (von Hugo Schumacher ironisch-kritisch verfremdet), Chalets und Geranien (von Samuel Buri irisierend gerastert) oder Appenzeller Volkskunst (von Barbara Davatz fotografiert und poppig koloriert). Auch dass die Rolling Stones auf Franz Gertschs Leinwänden herumlümmeln hat mehr mit ihrem Schweizer Konzert 1967 als dem Einfluss der US-Kunst zu tun.

Überraschend ist, wer damals alles Pop machte. «Wir sind auf 170 Namen gestossen, Katrin Weilenmann und ich haben uns für die Ausstellung auf 51 beschränkt», sagt Kunsthausdirektorin Madeleine Schuppli. Erstaunlich seien zwei Dinge: «Man hat bei vielen Künstlern nichts von ihrem poppigen Frühwerk gewusst und manches ist hier zum ersten Mal überhaupt ausgestellt.» Denn anders als die internationale Pop Art hat die Schweizer Spielart noch niemand gründlich erforscht. In den 60ern wurde sie vom Kunstbetrieb kaum ernst genommen und selbst die Künstler schrieben vieles als eine Art Jugendsünde ab.

Experimente und kritische Töne

Nicht nur mein Minirock war aus einem dieser neuartigen Synthetik-Stoffe geschneidert, Kunststoff fand auch in die Kunst. Polyester erlaubte Rainer Alfred Auer und Ueli Berger, gerundete Skulpturen zu giessen. Max Matter sprayte seine ironische Ansicht von Schloss Chillon auf Kellco und montierte beleuchtete Traum- und Alptraumlandschaften unter Plexiglaskuppeln.

Die Ausstellung folgt nicht chronologisch den Jahren von 1962 bis 1972, sondern thematischen Bögen. Raumfahrt und die erste Mondlandung elektrisierten die Leute. Bendicht Fivian zeigt Astronauten schwarz-weiss und flimmernd wie die Fernsehbilder jener Zeit. Carl Bucher landet mit seinen comicartigen Raumkapsel-Reliefs gar internationale Erfolge.

Das beherrschende Medienthema damals aber war der Vietnamkrieg. Willi Schoder und Rosina Kuhn klebten aus den erschreckenden, omipräsenten Zeitungsbildern bitterböse, anklagende Collagen. Franz Gertsch dagegen malte Bob Dylan und Joan Baez, die Leitfiguren des Protests.

Sie finden sich im Untergeschoss des Kunsthauses wie auch Bilder zur sexuellen Befreiung. Dabei lockt nicht nur Franz Eggenschwilers Marmorbusen freche Finger, sondern verblüffen Rosina Kuhn und Margritte Jäggli mit freizügigen Darstellungen. Aber schliesslich liessen damals die Schweizer Frauen nicht nur die Säume hochrutschen, trugen wie Bond-Girl Ursula Andress die ersten Bikinis, verlangten endlich das Stimmrecht, sondern verbrannten auch die einengenden BHs.

Swiss Pop Art im Aargauer Kunsthaus, Aarau. Bis 1. Oktober. Vernissage: Sa, 6. Mai 2017, 18 Uhr.

Ausgang | Kultur | Kunst

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